
Sie sagen, wenn du das Gefühl hast, dass dich niemand hört, schrei lauter. Sie sagen auch, wer lauter schreit, hat nicht zwangsläufig Recht.
Leben ist kompliziert.
Ich habe Ferien und bin endlich mal dazu gekommen, eine der vielen Federwelt-Ausgaben aufzuschlagen, die dank Abo regelmäßig in meinen Chaoshaushalt flattern (Ausgabe Oktober 2023). Ziemlich viele Beiträge drehen sich in diesem Heft um Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen.
Stolzeaugen.books ist ein neuer Verlag, der ausschließlich Bücher von PoCs veröffentlicht. Als weiße Person, die sich nicht privilegiert fühlt, fühle ich mich gleich benachteiligt und schäme mich dafür. Ich weiß, dass PoCs überall benachteiligt sind, also sicher auch in der Buchwelt. Ich bin weiß und habe auch noch nichts veröffentlicht. Ich habe auch das Gefühl, dass meine Sichtweise nicht gehört wird.
Ich weiß, das ist Whataboutism. Ich weiß, dass ich niemals werde nachvollziehen können, wie sich eine PoC wirklich fühlt, ich kann nicht für sie sprechen. Ich habe zwar das Gefühl, mit der falschen Hautfarbe geboren zu sein, aber das sieht man mir nicht an. Als psychisch Kranke bin ich dennoch sane-passing, als non-binäre Person, als lesbische Person muss ich mich outen, um marginalisiert zu werden. Die Hautfarbe trägt man immer überall offen mit sich. Ich weiß auch, dass die PoCs, die ich kenne, nicht dafür verantwortlich sind, mich über ihre Rassismuserfahrungen aufzuklären. Ich habe nur dieses nervige Betroffenheitsgefühl, von dem ich nicht weiß, was ich damit machen soll.
Ich finde es gut und richtig, dass es diesen Verlag gibt, genauso wie ich es gut finde, dass es Stipendien nur für Frauen gibt.
Die Rezension stellt Tillie Olsen “Was fehlt – Unterdrückte Stimmen in der Literatur” vor. Und gerade nach dem Beitrag über Stolzeaugen.books frage ich mich, ob wirklich noch ein Buch einer weißen Frau mit Luxusproblemen gebraucht wird. Denn im Vergleich mit den Kriegserfahrungen, die so viele Menschen an so vielen Orten gerade machen müssen, erscheint mir meine Depression ein Luxusproblem zu sein. Natürlich gibt es im Moment immer noch mehr weiße Männer als weiße Frauen in der Literatur. Aber im Vergleich zu –
Vielleicht sollte ich aufhören, mich zu vergleichen. Trotz all der Erfahrungsberichte über das Leben mit Depressionen, Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen, die ich gelesen habe, habe ich eine besondere Sichtweise. Ich habe eine besondere Krankengeschichte. Denn genau diese Kombination von Symptomen hat vermutlich keine andere Person unter all den Hunderttausenden in den psychiatrischen Notaufnahmen dieser verkorksten Welt. Ja, vielleicht ist mein Trauma “nur”, aus äußeren Gründen zu früh abgestillt worden zu sein. Sicherlich erleiden dieses Trauma und dessen Folgen jedoch mehr Menschen als das Trauma, von der IS gefangen gehalten worden zu sein. Es ist eine Geschichte, die erzählt werden darf, und es ist meine Geschichte. Die Geschichte über eine Gefangenschaft durch die IS ist auch erzählenswert – aber das muss ein anderer machen.
Ich kann erzählen, wie es ist, jeden Morgen depressiv aufzuwachen und fast jeden Abend beinahe gesund schlafen zu gehen mit der Hoffnung, morgen ist alles besser. Und dann ist der Morgen doch wieder wie jeder davor. Ich kann erzählen, wie es ist, wenn der Zwang, es allen Recht zu machen, immer noch stärker ist als die lähmende Schwäche des Geistes, die mich zu Boden drückt, so dass ich dennoch arbeiten gehe; wie es ist, in wahllosen Frauen eine Ersatzmutter zu suchen, sich immer einsam und verloren zu fühlen, immer das Gefühl zu haben, weniger zu verdienen als jede*r andere. Auch wie es sich anfühlt, wenn der eigene Körper sich nicht richtig anfühlt, aber keine Idee entsteht, wie es besser wäre. Ich weiß nicht, wann ich das erste Mal von der Existenz von Transpersonen gehört habe, wirklich verstanden habe ich vielleicht mit Anfang zwanzig, was es bedeutet, trans zu sein. Damals habe ich auch erkannt, dass ich definitiv kein (Trans)Mann bin. Aber als Frau bezeichnet zu werden, fühlte sich dennoch so falsch an. Ich dachte, ich wäre die einzige Person auf der Welt, der es so geht.
Ich war Anfang dreißig, als ich erfahren habe, dass das nicht so ist.
Das ist ein Grund, meine Geschichte zu erzählen. Ich hätte gerne mit dreizehn schon davon gehört, dass es non-binäre Personen gibt. Vielleicht hätte ich das Wachstum meiner Brüste nicht mit so viel Furcht beobachtet. Ich möchte gerne jungen, nicht-binären Personen erzählen, dass es okay ist, nicht mit ihrem Körper einverstanden zu sein. Aber auch, ihren Körper zu akzeptieren, ohne sich mit dem ihm zugeordneten Geschlecht zu identifizieren. Meine Brüste sind nur Brüste und kein Zeichen dafür, dass ich eine Frau bin. Alle Menschen haben Brüste, bei manchen sind sie größer, bei anderen kleiner. Und solange ich kein Kind austrage, werden sie nicht weiblicher sein als die einer x-beliebigen anderen Person, egal welchen biologischen Geschlechts auch immer.
Ich verliere den Faden.
Nächste Woche beginnt der NaNo. Der Hauptcharakter meiner Geschichte ist männlich, aromantisch, asexuell und ein Vampir. Nichts davon trifft auf mich zu. Ich glaube trotzdem, dass ich seine Sichtweise einnehmen kann. Denn das Geschlecht und die Romantik sind nur ein Teil der Identität. (Und für die Themen aro und ace werde ich natürlich später sensibility reader engagieren.)
Kommt gut durch den Herbst. Und traut euch, laut zu sein, auch wenn ihr euch leise fühlt. Dann ist eure Geschichte vielleicht sogar noch wichtiger.
