Autorenleben

Buch Berlin

Verschwommenes Bücherregal

Meine erste Buchmesse!

Einmal hatte ich bereits meine Soziophobie und mein Impostorsyndrom niedergerungen und mich entschlossen, zu einer Buchmesse zu gehen. Ich hatte erfolgreich Sonderurlaub beantragt – in der Schule bin ich ja eigentlich an die Ferien gebunden –, hatte ein Blogger*innenticket und eine Unterkunft in Leipzig. Ich war schon ganz aufgeregt. Es war 2020, wie wir alle wissen, musste die Messe wegen der Pandemie abgesagt werden.

Jetzt hatte mein schlechtes Gefühl in Menschenmengen auf einmal eine rationale Begründung; als Messen wieder möglich waren, kamen sie für mich dennoch lange Zeit nicht in Frage. Ich habe die Online Autor*innenmesse besucht – das musste doch reichen.

Auf dem Online Umsetzungskongress des Bookerfly Clubs im Juni diesen Jahres gab es dann auch ein Gespräch mit den Veranstalter*innen der Buch Berlin – eine Buchmesse an einem Wochenende, für die ich keinen Urlaub nehmen muss, in Berlin, wo meine Schreibhainpeers leben, in dem Jahr, in dem ich beschlossen habe, dass mein Brotberuf aufmerksamsmäßig mein Nebenjob sein sollte, nicht das Schreiben. Dass es endlich Zeit wird, mich als Schriftsteller*in ernst zu nehmen.

Die Buch Berlin

Nach über zweistündiger Zugfahrt und zweimaligem Umsteigen kam ich also am Samstag auf der Messe an. Die weißen Stellwände und die vielen Ordner*innen erinnerten mich gleich wieder an meine Covid-Impfungen auf dem Magdeburger Messegelände, aber die Aufstellung für das ein-Herz-für-Bücher-Foto lief gerade, also hatte ich keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich schob mich ohne Lieblingsbuch in der Hand daneben, am Ende ist nur mein Ärmel auf Instagram gelandet.

Ich war überfordert! Eine halbe Tour an den Ständen vorbei brauchte ich, um mich überhaupt zu trauen, den Ständen näher zu treten oder mal ein Buch in die Hand zu nehmen. Gesprochen habe ich maximal mit denen, die mich ansprachen, meistens nur gelächelt und bin schnell weiter gegangen. Nach der ersten Runde erstmal an die frische Luft, einen Apfel essen, durchatmen.

Ich hatte erwartet, dass es lauter wäre, ich hatte extra meine Lärmfilter-Ohrstöpsel dabei. Aber die Gespräche von den Ständen verhallten unter der hohen Decke und schon einige Schritte entfernt hörte man nur noch ein monotones Summen wie von einem Bienenschwarm. Dass es so warm sein würde, hatte ich nicht erwartet, aber einerseits war auch das Wetter wärmer als erwartet, und andererseits erzeugen viele Menschen viel Wärme – ob nun auf dem Thermometer oder nur in meinem Kopf. Nach der ersten Runde war ich schon durchgeschwitzt.

Bei der zweiten Runde habe ich Klappentexte gelesen, Cover fotografiert und Leseproben gesammelt, die Aussteller*innen nach Vampirbüchern gefragt und mir Pitches von Autor*innen angehört. Nach einer kurzen Kaffee-und-Frischluft-Pause wollte ich ein drittes Mal mit den Augen meiner Hauptfigur über die Messe gehen – es hat gleichzeitig gar nicht und hervorragend funktioniert. Ich bin stehen geblieben, habe in alle Richtungen gewittert – für mich roch es interessanterweise nach nichts, Michel hätte natürlich die Anwesenheit der vielen Menschen wahrgenommen –, habe einen Gesprächsfetzen von der einen Bühne aufgefangen, der für mich interessant war, und habe mich ins Publikum gesetzt.

Und damit kommt die erste Messekritik: Der Blätterkohlekongress auf der Hauptbühne war sehr präsent zu sehen, der Ablaufplan dazu leider nicht. Neben der Bühne stand ein Aufsteller mit einem Plakat, das zwei Lesungen auf dieser Bühne ankündigte, aber zwischen diesen Lesungen fand so viel Interessantes statt, das ich nur durch Zufall gehört habe, weil es weder auf einem Aufsteller noch im Messeflyer ein Programm gab. Erst am Sonntag habe ich ein Programm gefunden, kleingedruckt und festgeklebt auf einer Infotheke, die meistens von Leuten umstellt war. Für Laufpublikum echt unpraktisch.

„Optisch wenig bunt, große Halle mit weißen Trennwänden. Geräuschkulisse erträglich. Bunt im Kopf, so viele Menschen, so viele Eindrücke. Es müsste Wasserspender geben und regelmäßige Erinnerungen, den eigenen Körper nicht zu vergessen zwischen all den verschiedenen Welten, die wie bunte Strings durch die Halle wabern.

Einen ersten Rundgang brauche ich, um mich zu akklimatisieren, nicht nur zu schauen und zu lächeln. Erst im zweiten Durchgang kann ich wirklich Informationen aufnehmen. Beim dritten nehme ich meinen Hauptcharakter mit und betrachte alles durch seine Sinne.

Ich mag es, solche Erfahrungen zu machen, ganz einzutauchen bis über die verfilzten Haarspitzen. Eine Messe ist eine eigene Welt.“

O-Ton aus meinem Notizbuch

Im Laufe des Samstages habe ich mich gefragt, ob es wirklich notwendig war, an beiden Tagen da zu sein. Aber im Nachhinein habe ich mich darüber gefreut. Ich wäre gerne am Samstagabend in mein eigenes Bett gefallen, anstatt in das obere eines Etagenbettes in einem Vierbettzimmer mit wildfremden Menschen. Aber der Sonntag war ganz anders als der Samstag.

Ich kannte die Örtlichkeit, ich kannte die meisten Gesichter. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass bei jedem neuen Rundgang neue Stände dazu kamen. Die laut Messeplan vorhandene Struktur habe ich zwar bis zum Schluss nicht erkannt, aber ich habe mich zurecht gefunden. Ich bin bewusst zu ganz speziellen Ständen gegangen und habe Fragen gestellt – etwas, das Samstag noch undenkbar gewesen wäre. Ich war totmüde, hatte geschwollene Beine und einen übervollen Kopf – das geht mir auch heute, drei Tage später, noch so. Aber tatsächlich hat mir der Sonntag mehr gebracht als der Samstag. Und ohne den holperigen, überforderten, stotternden Samstag hätte es den Sonntag nicht gegeben.

Fazit

Messe ist echt nicht mein Ding, ich werde es wieder machen. Es überfordert und füllt mich bis obenhin mit Inspiration und Wissen. Ich habe in mein Messenotizbuch alles Mögliche durcheinander geschrieben, Notizen für die Romane, Pläne für Social Media, Tipps zur Veröffentlichung. Ich habe Kontakte gesammelt von einer Sensitivity Readerin, einer Coverdesignerin, Kleinverlagen und Autor*innenvereinigungen. Ich habe mit vielen wirklich lieben Menschen gesprochen und meine Angst davor, mich als Autor*in zu präsentieren, ein bisschen verringert. Ich habe Buchtipps für die Recherche, zur Entspannung und zum Verschenken mitgenommen. Ich werde noch Monate davon zehren können, wenn ich daran denke, in die Notizen zu schauen.

Was war super?

  • Die (relative) Ruhe im ganzen Messebereich
  • Die Ruhe bei den Lesungen, vor allem im Eintauchen-Rauch
  • Die Hafermilch für den Kaffee (ja, ich freue mich immer noch darüber, sie ist noch nicht selbstverständlich für mich)
  • Der Kontakt zu Klein(st)verlagen und Selfpublisher*innen

Was fehlt?

  • Ein Wasserspender
  • Ein Aufsteller für das Programm vom Blätterkohlekongress

Ich werde auf jeden Fall wiederkommen. Ich empfehle bequeme Kleidung, von der man schichtweise etwas ablegen kann, viel Wasser und eine Woche Urlaub hinterher.

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