Almost an Adult

Almost an Adult 23.kurzvorende

Figur, die davon fliegenden Ballons hinterher läuft

Was machst du, wenn dich die Klimapanik überfällt? Außer heulen und schreien und kotzen, weil du so verflucht hilflos bist und die Zeit drängt? Ich schreibe einen Text, auf die Gefahr hin, dass ihn jemand liest.

Auf einer Demo im Sommer habe ich gehört, dass die Klimaforscher*innen der Menschheit noch 6 Jahre geben, das Blatt zu wenden. Dann ist es zu spät. Dann wird es in Deutschland vielleicht immer noch nicht richtig schlimm sein, aber die Zeichen sind auch jetzt schon da und werden gekonnt übersehen. Dann wird vermutlich noch nicht der Panikpunkt eintreten, jener Zeitpunkt, wenn mehr als 80% der Weltbevölkerung plötzlich merken, dass wir es verkackt haben, und jeder nur noch an sich selber denkt. Schließlich gelingt es den Menschen ja auch heute wunderbar, Dürren und Waldbrände und Starkregen als unzusammenhängende Einzelereignisse zu betrachten und sich auf dem Ärger über das Wetter auszuruhen.

Als ich das erste Mal von dem Konzept des Panikpunktes gehört habe (ich habe leider vergessen, welcher Philosoph es in die Diskussion eingebracht hat), habe ich mir gedacht, okay, das ist dann wohl der Punkt, an dem ich den Notausgang wähle. Eine Überdosis Antidepressiva und Tschüss. Manchmal denke ich, ich kämpfe jetzt halt noch 6 Jahre, so gut ich kann, und dann gehe ich. Dann bin ich 42, das ist nicht mehr zu jung. Dann darf ich aufgeben.

Aber meine Nichten sind dann 6 und 7. Sie können nichts für diese Welt, die wir ihnen hinterlassen. Habe ich also das Recht, sie damit allein zu lassen?

Es fällt mir unendlich schwer, jeden Tag in die Schule zu gehen und die Erwachsenen von morgen zu unterrichten, so als wären ihre wichtigsten Probleme in 10 Jahren, einen Studiengang zu wählen und einen aufdringlichen Exfreund loszuwerden. Sie werden lernen müssen, mit einem Klima umzugehen, das in rasantem Tempo und einige Tausend Jahre zu früh auf eine nächste Heißzeit zusteuert. Sie werden um ihr Überleben kämpfen.

Meistens denke auch ich nicht daran. Aber als ich am Mittwoch bei dem Versuch, drei Stockwerke hoch zu gehen (neben meiner eigentlich schon berenteten Kollegin mit Asthma und Longcovid, also wahrlich nicht schnell) und unterwegs eine Pause machen musste, um mich nicht zu übergeben und die vom Sauerstoffmangel brennenden Muskeln auszuruhen (ich bin “ein bisschen” anämisch. Ich glaube meiner Ärztin ein bisschen nicht, dass ich nur knapp an der Grenze bin), als ich mich am Mittwoch im Gespräch mit der Schulleitung abgewürgt fühlte und anfing zu heulen (in solchen Gelegenheiten immer gern genommen), war klar, ich bin am Ende. Körperlich und geistig. Ich habe mich krankschreiben lassen, als Diagnose steht da mal wieder “Depression”. Als hätte mein Gehirn sich einen Schnupfen eingefangen, den ein bisschen Ruhe schon auskurieren wird. Als gehörte ich nicht zu den Menschen, die auf Grund ihrer Gene, ihrer Kindheit oder einer bösen Göttin nicht in der Lage sind, sich allein auf ihre eigenen Probleme zu konzentrieren.

Also ist mein Gehirn nicht mehr abgelenkt von dem “Überleben im Klassenzimmer” und der Frage, wie ich einen eigentlich lieben, aber leider sehr vergesslichen Schüler fair benoten kann, über meine Anämie macht sich mein Gehirn besser auch keine Gedanken, solange ich nicht mehr tun kann, als meine Eisentabletten zu schlucken und auf den nächsten Arzttermin zu warten. Mein Gehirn hat mal wieder Klimapanik.

Im Alltag schleicht sich die Angst nur in meine Träume. Dann schlage ich Menschen dafür, dass sie es immer noch wagen, Fleisch zu essen oder in den Urlaub zu fliegen. Oder ich weine heimlich im Garten, weil Menschen so egoistisch sind, ihre eigenen Erfahrungen über das Leben anderer zu stellen.

Dabei lebe ich ganz sicher auch nicht 100%ig nachhaltig. Meine Wohnung ist größer, als sie sein müsste, für meine Kunst ver(sch)wende ich Papier, wenn ich richtig nihilistisch drauf bin, esse ich Tiefkühlsalamipizza. (Heute zum Beispiel.) Welches Recht habe ich also, andere zu belehren? Ich verlasse das Pädagog*innenzimmer, wenn die Kolleg*innen von ihrem Urlaub sprechen, ich ergänze die Ferienberichte meiner Schüler*innen damit, dass Urlaub in Deutschland doch auch ganz toll ist, ich knete meine Wut in meinen Hefeteig und backe noch eine Ladung vegane Zimtschnecken. Ich überlebe.

Denn Nihilismus bringt uns auch nicht weiter. Noch haben wir ein wenig Zeit. Noch liest vielleicht jemand diesen Text und versucht sich am Veganuary, bleibt im nächsten Jahr mal in der Heimat, schaltet den Fernseher aus und die Sternschnuppen an. Ich will die Angst gar nicht loswerden. Sie zeigt mir, was wichtig ist. Aber ich will mich niemals von ihr besiegen lassen.

Kommentar verfassen