
Am 20.02.24 hat Anna Koschinski eine Blogparade zum Thema “Schreiben über das Schreiben” ausgerufen, die Teilnahmefrist endet am 31.03. Gerade noch schaffe ich es, teilzunehmen, und melde mich damit aus meinem “Winterschlaf” zurück. Die letzten Wochen waren anstrengend, wer mir auf Instagram folgt, hat es bemerkt. Ich versuche einmal, sie nach Ostern zu rekapitulieren. Aber jetzt erstmal mein/unser Lieblingsthema: das Schreiben.
“Die Geschichte meines Schreibens ist eine Geschichte der Flucht. Und die normale Geschichte eines einsamen kleinen Mädchens. Nicht, dass ich wirklich was zu sagen gehabt hätte. Nicht, dass jemand zugehört hätte. Das Papier hat mir zugehört. Und Papier ist bekanntlich geduldig.
Als mittlere von viel zu vielen Geschwistern war das Schreiben endlich ein Raum für mich, ein Raum, über den ich die volle Kontrolle hatte. Hier wurden keine Eltern beim Streitschlichten vermisst, hier gab es keinen Lärm, hier hatte ich Macht.
Ich konnte die kindlichen Abenteuer erleben, die für uns unbezahlbar waren, als Jugendliche meine Gefühle ausleben, ohne sie verstehen oder gar erklären zu müssen. Ich konnte mich gegen die Bullies in der Schule auflehnen, Amok laufen, mich umbringen – ohne jede Konsequenz.
Ich konnte jede Minute neu beginnen. Ohne lästige Altlasten, ohne durch Vorerfahrungen gebildete Erwartungen. Konnte jemand anders sein. Konnte mich zu Wort melden und darauf bestehen, beachtet zu werden.
Und wenn niemanden meine Texte interessieren? So what? Es waren doch alle nicht schlau genug, mein Genie zu erkennen.
Ich konnte Gott und Teufel sein, je nach momentaner Stimmung. Und wenn ich gar nicht sein wollte, habe ich den Stift weggelegt. Einfach geschwiegen.
Manchmal war Schreiben eine Therapie für mich, manchmal Selbstverletzung. Segen und Fluch zugleich. Es hat mir in der Schule Beachtung geschenkt, Freund*innen nicht.
Das Papier blieb lange mein einziger Freund.
Schreibend habe ich Mauern gebaut, erst zwischen mich und die Welt, dann immer mehr in mir drin, konzentrische Kreise aus Wortziegelsteinen, Sprachspielen, die alles ins Fiktionale rücken, selbst das intimste Gefühl.
Ich weiß schon lange nicht mehr, wer ich bin.
Die Geschichte meines Schreibens ist eine Geschichte der Flucht. Und weil sie so früh begonnen hat, weiß ich nicht mehr, wovor. In jeder meiner Figuren habe ich einen Teil meiner Selbst verloren, erst den kindlichen Spieltrieb, dann den jugendlichen Welthass. Was geblieben ist, ist mehr oder weniger gleichgültig.
Ich habe mich schon lange nicht mehr umgebracht. Vielleicht, weil nicht mehr genug von mir am Leben ist.
Ich habe das Schreiben vom Papier gelöst, so dass ich jetzt ein völlig fiktionales Leben führe – das einer liebenden Tochter*, einer fürsorglichen Schwester*, einer hingebungsvollen Partner*in, einer engagierten Lehrer*in, einer knallharten Analytiker*in, einer diskussionsfreudigen Philosoph*in – ob ich irgendeines davon bin, oder alles, oder nichts. Keine Ahnung. Ist auch egal.
Die Philosoph*in in mir weiß, dass die Einheit des Ichs eine Illusion ist. Wer tief genug in sich selber schaut, findet immer einen Roman mit hunderten Protagonist*innen. Und die Geschichte meines Schreibens war immer eine Geschichte der zwanghaften, gnadenlosen Selbstreflexion.
Die zwangsweise in den unendlichen Regress mündet, denn man kann alles anzweifeln, sogar die eigene Existenz.
Ich weiß nicht, ob das Schreiben mir wirklich immer gut tut. Aber ich kann nicht anders. Da ist so viel in mir drin, was raus will, raus muss, damit ich es nicht mehr betrachten muss.
Und da von mir selbst nicht mehr viel mehr übrig ist als das Schreiben selbst, kann ich mich endlich vom autobiografischen Schreiben der Schulzeit lösen.
Ich bin eine Bibliothek ungeschriebener Bücher. Ich greife einfach eines heraus und lege los. Und es ist alles dabei: Thriller, Fantasy, Liebesromane, Gesellschaftskritik. Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke, Essays. Just name it.
Vor lauter Geschichten in mir drin kann ich mich an selbst großartige Erlebnisse später oft kaum noch erinnern. Aber die Welt um mich herum hat mich nie sonderlich interessiert.
Die Geschichte meines Schreibens ist voll großartiger Traurigkeit und doch so traurig banal, wenn ich sie überall wieder finde, bei Hesse, bei Camus, bei Nietzsche sowieso. Und diese meine einzigen wirklichen Freunde geben mir immer wieder das Gefühl, ich sollte endlich aufhören zu jammern und etwas Vernünftigeres lernen, bei meinem Talent zum formalen Denken wäre ich bestimmt eine ganz wunderbare Ingenieur*in. Was ich zu sagen habe, ist hundertfach gesagt. Und falls es doch noch irgendwer lesen kann, kann sie sich Sartres “Ekel” vornehmen. Oder Hesses “Steppenwolf”. Die konnten das eh viel besser als ich und sind glücklicherweise tot, müssen sich also nicht mehr ernähren.
Etwas großartiges Schreiben und dann sterben, das war schon mit 8 alles, was ich wollte. Aber ich habe beides bis heute nicht geschafft.
Also schreibe ich immer wieder die Geschichte meines chronischen Nervenzusammenbruchs, verschwende Tinte, wenn ich schon keine Tränen mehr zu verschwenden habe, und stolpere auf einem Bein die akademische Karriereleiter hoch.
Wenn ich mich endlich festlegen könnte, ginge das viel schneller.
Die Geschichte meines Schreibens ist auch die Geschichte des permanenten Selbsthasses wegen des Schreibens. Die Beschäftigung der Müßiggänger. Ich hasse mich dafür, dass ich schreiben muss, dabei könnte ich die Zeit so viel sinnvoller nutzen, z.B. in der Flüchtlingshilfe. Aber nur wenn ich schreibe, merke ich nicht, wie sehr ich mich hasse. Und ich liebe meine Texte.
Aber kreative Menschen sollen ja zwischen Extremen pendeln.
Die Geschichte meines Schreibens ist eine Geschichte von Zerrissenheit und Schmerz und wenn ich sie irgendwo lesen würde, würde ich denken, was für ein selbstmitleidiger Kitsch, was für eine Selbstdarstellung.
Und um vor dieser Einsicht zu flüchten, bleibt mir nur eins – weiter zu schreiben.”
All dies habe ich vor sechs einhalb Jahren geschrieben. Man sollte meinen, in dieser Zeit wäre ich angekommen. Ich habe geheiratet, eine Wohnung gefunden, die ich als Zuhause betrachten kann, einen Festvertrag.
Ich bin malend vor dem Schreiben geflüchtet. Weil Schreiben immer wieder noch mehr wehtut als früher, weil es noch fruchtloser erscheint. Es ist lange her, dass ich in den Zwanzigern war und mir einreden konnte, da käme noch die große Karriere. Und damit, dass die kleine Karriere vielleicht sogar viel besser ist, habe ich mich noch nicht abfinden können.
Schreiben ist Arbeit geworden, auch wenn mich niemand dafür bezahlt. Ich denke beim Schreiben zu sehr an das Ergebnis, das macht den Prozess kaputt. Ich habe das Gefühl, ich habe mit dem Schreiben alles erlebt, was sollte da noch kommen.
Ich genieße Worte immer noch, aber meistens die anderer. Ich bin immer noch voller Geschichten, aber mir fehlt die Kraft, sie zu erzählen. Mir fehlt die Motivation. Mir fehlt das Gegenüber.
Nach all den Jahren der Flucht soll mein Schreiben nicht mehr Selbstgespräch sein, ich will raus in die Welt. Damit ich dafür den Mut finde, werde ich mich im Sommer auf Traumatherapie-Reise in mein Inneres begeben, dazu hoffentlich nächste Woche mehr. Ich will nicht mehr flüchten. Und wenn ich mich endlich traue, das Wort zu ergreifen, mich hörbar zu machen, werde ich hoffentlich auch meine innere Bibliothek nach außen tragen können.
