
Hinfallen, Verschnaufen, Krönchen richten, wieder aufstehen – heißt es nicht irgendwie so? Also starte auch ich noch einmal neu mit dieser Blogkolumne über mein Leben mit chronischen Depressionen (und ein bisschen mehr). Und das sogar fast pünktlich zum neuen Jahr.
Ein anstrengendes 2024
Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich mit meinem Psychiater darüber geredet, dass ich einmal eine Traumatherapie machen wolle, da meine emotionalen Flashbacks immer schlimmer wurden. (Von emotionalen Flashbacks spricht mensch, wenn eine Person immer wieder in Gefühle von früher zurückfällt und diesen hilflos ausgeliefert ist. Bei mir waren es hauptsächlich Gefühle von Einsamkeit und Verlassenheit.) Ich hatte ein Erstgespräch bei einer Psychologin, die das Programm im hiesigen Klinikum leitet, und hätte sogar schon im Januar einen Platz haben können. Da ich aber wusste, dass ich nach meiner Handgelenksfraktur Dezember 22 noch einmal operiert werden musste (und tatsächlich zog sich die Behandlung sehr viel länger hin als geplant), und ich den Frühling in meinem Garten verbringen wollte, hatte ich mich für Mitte Juli einplanen lassen. Die Zeit bis dahin war mit zwei Operationen, vielen Wochen Physiotherapie und natürlich auch Arbeit gut ausgefüllt, dann ging ich für 13 Wochen in die Klinik. Kein Wunder also, dass ich im vergangenen Jahr keine große Zeit und Muße hatte, zu schreiben.
Die Traumatherapie war bzw. ist die erste Therapie, die bei mir wirklich anschlägt. Ich habe mehr über mich und meine Vergangenheit erfahren, als ich vielleicht wissen wollte, aber ich habe auch schon mehr Schwierigkeiten bearbeitet als in jeder anderen Therapie zuvor. Ich kann wieder angstfrei Fahrstuhlfahren und Einkaufen. Für die meisten wird das nicht bedeutungsvoll sein, aber ich weiß, da draußen gibt es welche, die wissen, welcher Erfolg das ist.
Zurück in die Schule
Seit Anfang Dezember bin ich jetzt in der Wiedereingliederung in meiner Schule. Ich habe mir einen schönen Plan erstellt – im Dezember nur hospitieren, im Januar Woche für Woche einen Jahrgang mehr unterrichten. Pläne sind gut, aber Schule funktioniert anders. Also habe ich in der vergangenen Woche nicht in zwei kleinen Kursen der vierten Klasse unterrichtet, sondern in drei größeren der ersten Klasse. Das ist ein gigantischer Unterschied. Die Einschüler*innen von 24 kennen mich noch nicht, ich kenne sie noch nicht, wir müssen uns noch beschnüffeln und aufeinander einstellen. Das kostet unheimlich viel Energie. Und das nach zwei Wochen Weihnachtsferien und davor „nur“ Hospitationen.
Ich kann nicht wirklich greifen, was so viel Energie kostet im Unterricht in der ersten Klasse. Die Kinder sind noch sehr lieb und selbst wenn sie Unsinn machen, sind sie leider meistens süß dabei. Sie stellen unendlich viele Fragen, jedes Kind möchte zuerst meine Aufmerksamkeit, jedes Kind möchte meine volle Aufmerksamkeit. Viertklässler*innen sind da ruhiger. Sie sind stärker am Unterrichtsinhalt als an mir als Person interessiert.
Jedenfalls war ich völlig fertig nach den drei Stunden in der ersten Klasse.
Krise in der Pause
Und dann sitze ich so, matschig im Kopf, aber stolz auf mich, in der Mittagspause im Pädagog*innenzimmer, beschwert sich eine Kollegin, dass die Skipässe für den Gletscher so teuer geworden sind, 70€ pro Tag! Okay, ihre Tochter war noch kostenlos, aber dennoch, für 5 Tage!
Ich hätte explodieren mögen. „Lawinen sind auch teuer für die Menschen, die im Tal wohnen! Der überhandnehmende Skitourismus macht die ganze Natur kaputt! Gletscher sind unser Süßwasserspeicher, wie teuer wird es erst die nächsten Generationen treffen, wenn wir die Gletscher zerstört haben! Und überhaupt, wenn du mal eben 70€ mal zwei Personen mal 5 Tage allein für das Skifahren bezahlen kannst, dann geht es dir definitiv sehr gut, du hast überhaupt kein Recht, dich über irgendeinen Preis zu beschweren!“
Ich habe nichts gesagt. Ich mag diese Kollegin (eigentlich). Ich kann nur solche Sprüche nicht ertragen.
In der Therapie habe ich im Dezember noch unter vielen Tränen gesagt, dass es mir schwerfällt morgens aufzustehen, weil ich es so sinnlos finde, Kinder in Klimaschutz zu unterrichten, wenn doch alles zu spät ist, wenn sie alt genug sind, um für sich selbst zu entscheiden. Und meine Therapeutin hat mir gesagt, dass ich dringend einen Weg finden muss, dass mir die Klimakrise nicht ganz so nah geht.
Dabei ist der Umgang mit den Kindern mein kleinstes Problem. Schule wäre so schön, wenn man nicht dauernd mit unbelehrbaren Erwachsenen zu tun hätte.
Wie es weiter geht
Zwei Wochen Wiedereingliederung habe ich noch vor mir, dann eine Woche Ferien. Und dann starte ich wieder voll durch in der Schule. Hoffe ich jedenfalls.
