Almost an Adult

Almost an Adult 25.03

Figur, die davon fliegenden Ballons hinterher läuft

Wahlplakate gehören verboten.

Es ist eine furchtbare Verschwendung von Steuergeldern und Papier, auf dem Land plakatieren nur die rechten Parteien, viele Parteien drucken nur die Gesichter von Menschen, die wir ohnehin schon kennen oder durch die Plakate auch nicht kennenlernen, und wenn sie mal wirklich mit Ideen werben, können sie drucken, was sie wollen.

Die wichtigsten zur Wahl stehenden Parteien in einem (auf jeden Fall radikal verkürzten, aber ich denke trotzdem treffenden) Bild: Die AfD verprügelt dich. Sarah Wagenknecht steht daneben und sagt dir, du sollst aufhören, dich zu wehren, dann werden sie schon aufhören. Die FDP sieht demonstrativ weg und erklärt dir, warum du selbst schuld bist (vermutlich hast du zu wenig gearbeitet. Oder deine Eltern.) Die CDU schickt dir einen Polizisten, der dich so lange verhört, dass du denkst, selbst schuld zu sein. Die SPD hat nichts gesehen, also ist auch nichts passiert. Die Grünen gestehen dir deinen Schmerz ein, aber sie wollen erstmal die Gegenseite hören und betrachten dann alles so lange von allen Seiten, dass die Tat verjährt ist, wenn sie dir deine Unschuld zugestehen. Die Linke sagt, Gewalt geht nicht. Unter keinen Umständen.

Und ich kann ein Stück weit verstehen, warum mensch gar nicht wählt. Keine der Parteien hat dafür gesorgt, dass du nicht verprügelt wirst. Aber Sicherheit ist eine moderne Illusion und vom Nichtstun wird nichts besser. Ich kann sogar verstehen, warum manche Menschen die AfD wählen. Wenn mensch davon ausgeht, ohnehin am Arsch zu sein, dann wenigstens unter der Knechtschaft derer, die von vornherein eingestanden haben, gewalttätig zu sein.

Als würde die AfD nicht das Blaue vom Himmel herunter versprechen.

Was von zahlreichen Parteien aktuell versprochen wird (vor allem AfD und Sarah Wagenknecht interessanterweise) ist Sicherheit. Ich habe oben schon geschrieben, dass Sicherheit eine Illusion sei. Was heißt das? Kann ich mir denn nichts mehr sicher sein?

Auf existentieller Ebene? Nein. Ich schreibe diesen Beitrag in meiner Küche, ich bin allein. Trotzdem kann ich mir nicht sicher sein, dass ich ihn posten werde. Mir könnte – theoretisch – jederzeit die Decke auf den Kopf fallen. Ich könnte entscheiden, dass ein politischer Beitrag mir zu viel Konfliktpotential beinhaltet und ich lieber schweigen möchte, so sehr mich die Plakate auch Tag für Tag aufregen. Ich könnte auch einfach einen Herzinfarkt bekommen.

Genauso wenig können wir sicher sein vor Umweltkatastrophen, Terroranschlägen und aus welchen Gründen auch immer schwer gestörten Menschen, die Autos in Weihnachtsmärkte steuern. Sollen wir deswegen die Hände in den Schoß legen und nichts tun?

Relative Sicherheit durch Wahrscheinlichkeit

Auf keinen Fall! Was wir haben, sind Wahrscheinlichkeiten auf Grund von Erfahrungen. Wenn wir blind über eine viel befahrene Straße laufen, werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit überfahren. Wenn wir bei einer grünen Ampel die Straße überqueren, werden die allermeisten Autofahrer*innen anhalten. Wenn wir eine Mauer um Weihnachtsmärkte ziehen, kann kein Auto mehr auf den Platz fahren. Die allermeisten Autos, die auf Weihnachtsmärkte fahren, sind Lieferfahrzeuge. Verwehren wir ihnen das, müssen die Standbetreiber ihre Waren selbst tragen und die Preise werden vermutlich steigen. Aber immerhin haben wir den unglaublich unwahrscheinlichen Fall eines Anschlags verhindert.

Wo arbeitet mensch noch gleich mit Wahrscheinlichkeiten auf Grund von Erfahrungen? Genau, in der Wissenschaft. Sind die Parteien, die uns Sicherheit versprechen, dafür bekannt, auf die Wissenschaft zu hören? Nein. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum menschengemachten Treibhauseffekt werden von der Politik seit über 30 Jahren ignoriert. Die Folgen davon sehen wir in Dürren, Waldbränden und Überschwemmungen. Aber die Politik verspricht uns Sicherheit? Wie?, würde ich gerne wissen.

Sicherheit durch Waffen?

Und wer tut wohl mehr gegen die Wurzel des Terrorismus, nämlich schwer verzweifelte Menschen, die lieber sich selbst und andere töten als weiterzuleben: eine Regierung, die mit Waffengewalt Anführer stürzt, oder eine Menschenrechtsorganisation, die Essen und Medikamente verteilt?

Aber vermutlich betrachte ich das von meinem privilegierten, beinahe sicheren Küchentisch viel zu vereinfacht.

Das soll es ersteinmal gewesen sein mit meinem Rant über Wahlplakate, aber bestimmt gibt es nächsten Sonntag Teil zwei. Besonders Christian Lindner würde ich nämlich gern auf jedes einzelne Plakat antworten.

Und die Arbeit?

Über die Schule gibt es übrigens diese Woche wenig zu sagen, was ein gutes Zeichen ist. Es ist höllisch anstrengend, aber ich gewöhne mich wieder daran. Morgen beginnt die letzte Woche der Wiedereingliederung.

Schreibe einen Kommentar