
Die Woche nach der vorgezogenen Bundestagswahl. Und ich lag schon die zweite Woche mit einem Virus zu Hause.
Zum Glück ging es mir schon etwas besser, so dass ich nicht mehr die ganze Zeit an die Couch gefesselt war und meinen Kopf ein wenig vom Grübeln ablenken konnte. Politik und Depression verträgt sich nicht. Besonders nicht bei diesem Wahlergebnis.
Idealismus trifft Realität
Die Theaterautorin Sarah Kane schrieb einmal, dass Nihilismus die stärkste Form von Romantik ist. Ich glaube immer noch an das Gute im Menschen und deshalb hatte sich auch in mir bis zum Schluss eine leise Hoffnung geregt, dass wir um Friedrich Merz als Kanzler herumkommen.
Denn ich verstehe es wirklich nicht. Die Wahlbeteiligung war so hoch wie lange nicht, wir können das Ergebnis nicht darauf schieben, dass die gemäßigten Menschen einfach nicht gewählt haben. Beinahe 50% der Wählenden wollte entweder CDU oder AfD.
Beide Parteien haben sehr klare Vorstellungen davon, was Frauen machen sollen: Kochen und Kinder bekommen. Nicht arbeiten, zumindest nicht in Führungspositionen. Was ja völlig in Ordnung ist, wenn die Frau das möchte. Aber es jeder Frau vorzuschreiben?
Wer wählt CDU?
Friedrich Merz hat sich nie für Frauenrechte eingesetzt, zuletzt bei einer Reform des Abtreibungsgesetzes, davor in Bezug auf Gleichstellung von Mann und Frau in Beruf und Ausbildung und gegen Gewalt in der Ehe. Die letzteren beiden Gesetze mögen älter sein, doch mit keiner seiner Äußerungen vor der Wahl hat Merz das Gefühl erweckt, er hätte in den letzten Jahrzehnten dazugelernt. (Friedrich Merz: Kein Kanzler für Frauenrechte | Campact)
Die CDU unter Friedrich Merz hätte für Frauen unwählbar sein sollen.
Gendern und eine Alternative neben „männlich“ und „weiblich“ hält Merz für Quatsch. Die Möglichkeit, eine nonbinäre Identität im Pass festzuhalten, will die Union wieder zurücknehmen. (Union: Geschlechtseintrag “divers” bleibt – queer.de)
Die CDU unter Friedrich Merz hätte für queere Menschen unwählbar sein sollen.
Merz verspricht niedrigere Steuern – klingt zunächst einmal gut. Aber schon jetzt fehlen Gelder für viele von der Steuer bezahlte oder subventionierte Bereiche, wie Bildung und ÖVP. Wo sollen die Gelder also herkommen, wenn Merz gleichzeitig z.B. die Bundeswehr stärker finanzieren will? Eine mögliche Kürzung von Bürgergeld und Rente wird z.B. vom NDR angesprochen. (Merz‘ Wirtschaftsplan: Wer profitiert? Wer verliert? | NDR.de – Fernsehen – Sendungen A-Z – Panorama – Sendungsarchiv – 2025)
Die CDU unter Friedrich Merz hätte für erwerbslose Menschen unwählbar sein sollen. Im Grunde auch für alle Erwerbstätigen, denn auch der größte Fleiß schützt uns nicht davor, einmal auf Bürgergeld angewiesen zu sein. Das musste ich schmerzlich erfahren, als ich nach einem mit 1,9 abgeschlossenen Masterstudium erstmal jahrelang im Hartz IV festsaß.
Frauen, queere Menschen, Erwerbslose – gemeinsam sind wir deutlich mehr als 50%. Wie konnte Friedrich Merz dennoch Kanzler werden?
Das Gespenst “links-grün”
Ich fürchte, ein Teil des Problems ist, dass CDU, AfD und BSW sehr medienwirksam Stimmung gegen Links-Grün gemacht haben. Und wir „links-grün-Versifften“ haben es auch noch mit Humor genommen und ihnen leicht gemacht! Wenn wir von begründeten, freiwilligen Einschränkungen reden, haben sie Angst vor Verboten. Wenn wir vor Gefahren warnen, nennen sie uns Schwarzmaler. Und viel zu oft betonen wir, was wir nicht wollen, anstatt mit einer Alternative aufzuwarten. (Eine Freundin, die in Bayern auf dem Land wohnt, sagte, dass man als Landbewohner*in eigentlich nicht die Grünen wählen dürfte, weil sie das Autofahren so erschweren, ohne gleichzeitig den Nahverkehr zu stärken. Dabei ist sie selbst eine Grüne.)
In Wirklichkeit weiß ich nicht, warum jemand CDU oder AfD gewählt hat. In meinem Bekanntenkreis hat das niemand – oder gibt es nicht zu. Wenn du eine dieser Parteien gewählt hast – oder auf gar keinen Fall Links-Grün wählen würdest – schreib mir doch gerne in die Kommentare, warum das so ist.
Ich habe Angst und ich will darüber reden. Ich möchte etwas tun, aber ich weiß nicht was. Nach aktuellen Zahlen ist mein Bundesland ganz schön blau und ich möchte nicht, dass wir unseren Landtag nächstes Jahr so wählen.
Natürlich gibt es prinzipiell viele Möglichkeiten, mit diesem Wahlergebnis umzugehen. Aber unsere beste Chance für ein sicheres Miteinander und gegen die Spaltung ist, miteinander zu reden. Und Bildung. Wir brauchen eine solide Bildung und ein großes Herz. Denn mit Spaltung und Hetze kann niemand gut leben.
