
Am Anfang der vergangenen Woche wurde der Tod der Sängerin AnNa R. bekannt gegeben, die meisten von euch werden davon gehört haben.
Ich fand es immer seltsam, wenn Promis gestorben sind und Fans darüber laut und öffentlich geweint haben. Sie haben diese Menschen doch gar nicht gekannt, in ihrem Alltagsleben wird sich nichts ändern, nur weil sie gestorben sind. Sollte mensch das Trauern nicht den Angehörigen überlassen?
Verlust ist Verlust
Dennoch hat mich der Tod von AnNa R. bewegt, auch wenn ich nicht nach Berlin gefahren bin, um Blumen vor ihrer Wohnung abzulegen, oder auf Instagram Bilder von ihr gepostet habe. Ich habe sie nicht gekannt. Vor allem hat sie mich nicht gekannt. Aber sie hat eine große Rolle in meinem Leben gespielt.
Ich muss zugeben, mit ihren neueren Arbeiten habe ich mich nicht beschäftigt, zu sehr habe ich Rosenstolz geliebt. Ich konnte zwar nachvollziehen, warum AnNa und Peter damals nicht zusammen weiter machen konnten, aber trotzig und böse war ein Teil von mir dennoch, ich war Anfang 20 und bei weitem nicht so reflektiert und erwachsen, wie ich immer dachte. Aber die Musik von Rosenstolz hat mir durch die Hölle geholfen, als ich ein Teenager war, einsam, verwirrt und verzweifelt. Ich konnte die Musik damals nicht loslassen.
Wie es so oft ist, wurde Rosenstolz schnell von anderer Musik abgelöst, und als ich von AnNas Tod hörte, fiel mir erst auf, wie lange ich ihre Musik nicht gehört hatte. Noch im letzten oder vorletzten Jahr habe ich ihr Foto auf Plakatwänden angehimmelt und wollte auf ein Konzert ihrer König:in-Tour gehen, aber ich hatte kein Geld oder keine Zeit, ich weiß es nicht mehr. Ich dachte, ich hätte noch Zeit.
Zu schnell zu spät
Das sollte mensch niemals denken.
Jetzt höre ich ihre alte Musik wieder und fühle mich wieder wie 15.
Ich muss 12 Jahre alt gewesen sein, als ich sie zum ersten Mal gehört habe, mit „Perlentaucher“ bei einer ZDF-Hitparade. Ich war sofort verliebt. Die 1999 erschienene CD „Zucker“ hat mein Vater noch gekauft, aber sehr bald ist sie in mein Zimmer umgezogen, weil ich sie häufiger gehört habe als er. Alle weiteren Alben habe ich mir noch am Erscheinungsdatum gekauft und die alten nach und nach – z.T. auf Flohmärkten oder gebraucht im Internet – zusammengesucht.
In der Schule wurde ich für meinen Musikgeschmack bestenfalls belächelt. „Schwulenmusik“ haben sie das genannt, im Radio wurden sie nicht gespielt, es war mir egal. „Kassengift“ war meine Bestätigung, dass ich nicht beliebt sein musste, um jemand zu sein. Ich habe mich in meine Rolle als Außenseiter*in eingeigelt, lange bevor ich wusste, was mich dazu machte.
Und anstatt mir mit meinem Schmerz zu helfen, sagten die Lehrer*innen mir, ich sei selbst schuld, ich mauere mich ein.
Verdammt, ja, das tat ich! Um mich zu schützen! „Denn selbst im Keller, ham die Ratten sich erhängt“ (aus dem Lied „Willkommen“ vom Album „Herz“).
Mein Schmerz in Noten
Für jedes meiner Gefühle hatte Rosenstolz mindestens ein passendes Lied. Ich fühlte mich gesehen in ihrer Musik, als ich mich von niemandem gesehen fühlte. Selbst zu sehen, auf ein Konzert zu gehen, traute ich mich lange nicht. Schließlich war es gerade der Abend vor meiner ersten Abiklausur (Deutsch, by the way), als ich AnNa das erste Mal auf der Bühne sah.
Was soll ich sagen – sie war eine Naturgewalt. So stark und gleichzeitig so verletzlich, so weit weg und gleichzeitig so nahbar. Ich war niemals romantisch verliebt in sie, aber ich liebte sie, ich wollte ihre beste Freundin sein, ich warf all meine Einsamkeit, all meine Sehnsüchte auf sie. Nicht gerade gesund, aber ich bin bestimmt nicht die erste, die einen Promi als Projektionsfigur nutzt. Und in der Klausur am nächsten Tag schrieb ich 14 Punkte, kann also nicht so verkehrt gewesen sein.
Von dem Moment an war ich süchtig. Ich besuchte auf jeder Tour mindestens ein Konzert – mehr konnte ich mir nicht leisten. Meine Mutter fuhr mich mit dem Auto von Braunschweig nach Goslar, weil nach Konzertende kein Zug mehr fuhr und ich kein Geld für eine Übernachtung hatte. Ich trat dem Fanclub bei. Ich traute mich, im Zuge des Fanclubtreffens bei einer wildfremden Person zu übernachten. Ich! Die im Krankenhaus Tabletten brauchte, um mit einer anderen Person im Zimmer (die wirklich lieb war) schlafen zu können.
Ein Asyl aus Zeilen
Ich fühlte mich sicher unter Rosenstolzfans, noch heute ist das so. Gemeinsame Musik verbindet, aber nicht allen Bands traue ich zu, eine so freundliche, offenherzige Gemeinschaft hinter sich zu haben, in der wirklich jede*r sein kann, wie sier ist.
Über Gender hatte ich damals noch nicht nachgedacht, vom Trauma wusste ich noch nichts/nichts mehr, ich war „einfach nur“ eine Lesbe mit einer Vorliebe für melancholische, alte Bücher und noch nicht diagnostizierten Depressionen. Und das durfte ich sein, niemand hat es hinterfragt. Ich war nicht die einzige. Schade eigentlich, dass keiner dieser Kontakte gehalten hat. Ich war nie gut im Kontakte halten.
Geblieben sind wunderbare Texte, die AnNa und Peter geschrieben haben. Wunderbare Zeilen, die mir immer noch durch den Tag helfen. „Ich such Erlösung, keine Lösung“. „Ich hatte schon immer Schwierigkeiten mit dem Leben/ und hatte schon immer Schwierigkeiten, das auch zuzugeben“. „Was macht ein Krieger, der den Krieg nicht vergisst?“
Er singt.
Ich vergesse den Krieg nicht und ich vergesse dich nicht, liebe AnNa. Ich trauere, auf meine Weise, und versetze mich mit deiner Musik auf Zeitreise. Grüß Tamara (Danz, von Silly) von mir, mit der du mich bekannt gemacht hast. Ich versuche, noch ein wenig zu leben. Denn:
„Wenn du jetzt aufgibst, wirst du’s nie versteh’n/Du bist zu weit, um umzudreh’n“
