
Meine Anmeldung im Verband Freier Lektorinnen und Lektoren ist abgeschlossen. Am Montag habe ich mich in mehreren Email-Verteilern angemeldet, u.a. einem, über den regelmäßig beim Verband einlaufende Angebotsanfragen verteilt werden.
Seit ich in diesem Email-Verteiler bin, kamen vier Anfragen herein. Zwei Angebote konnte ich definitiv nicht leisten, weil sie nicht meinem Profil entsprachen. Diese zu löschen, ohne darauf zu reagieren, war leicht.
Die anderen beiden waren so … ich kann das schon machen, mein Lieblingsauftrag wäre das allerdings nicht. Ich denke schon, dass ich das kann, aber ich habe so etwas noch nie gemacht. Aber ich habe noch gar keinen Auftrag, kann ich da wirklich wählerisch sein? Ich will doch endlich anfangen!
Die Qual der Nichtwahl
Das Leistungsprinzip sagte, ich muss mich auf jede Anfrage hin melden, die ich mir zutraue.
Die Depression sagte, ich traue mir keine zu.
Die Angst sagte, wenn ich nicht bald einen Auftrag bekomme, dann kann ich diesen Traum auch aufgeben. Es muss voran gehen, nicht zurück.
Die Motivation sagte, ich kann beide schaffen.
Der Realismus sagte, in dem Verteiler sind sehr viele Kolleg*innen, auch wenn ich antworte, werde ich vermutlich nicht den Zuschlag bekommen. Vermutlich muss ich auf viele Angebote reagieren, bis ein Auftrag herauskommt.
Geduld ist nicht meine Stärke.
Ein Leben aus Warten
Mensch sollte meinen, eines, das so einen großen Teil des Tages damit verbringt, auf den Abend zu warten, sollte gut im Warten sein. Aber einer der Gründe, warum die Tage mir so lang und leer erscheinen, ist ja, dass ich das, was ich mache, nicht mit Herzblut mache.
Dabei unterrichte ich wirklich gerne, meistens. Aber selbst an einer privaten Schule sind die Gruppen viel zu groß, um wirklich in einen produktiven Austausch kommen zu können. Ich kämpfe mit meinen Themen so oft gegen Windmühlen, weil die Gesellschaft, im Großen wie im kleinen Schulkosmos, sich gerade nicht sonderlich für Nachhaltigkeit und Mitgefühl interessiert.
Ich möchte nicht in Allgemeinsätzen reden, „unsere Jugend wird immer schlimmer“, „wir erziehen unsere Kinder zu Egoismus“ und so weiter. Solche Sätze helfen niemandem und sie stimme nie. Die meisten meiner Schüler*innen sind toll und mit den meisten Eltern habe ich keine Probleme. Aber es sind leider die wenigen, an denen ich mich aufreibe. Die, die der Meinung sind, sie hätten ein Anrecht auf Spaß, sie dürften sich alles erlauben, weil sie reich sind, sie müssten nicht lernen, denn Mami und Papi werden’s schon richten.
Ich sage es einmal deutlich: Ich habe ein Problem mit Reichtum.
Ehrlichkeit vor Vorsicht
Jetzt ist es raus, jetzt her mit den Hasskommentaren. Sagt mir, warum ihr ein Recht auf euer Geld habt, wie ihr es ehrlich verdient habt und alle anderen nur faul sind.
Natürlich gibt es Menschen, die mit ihrem Geld gute Dinge machen. Nur – wenn du noch Kapital auf der Bank hast, hast du weniger Gutes getan, als du gekonnt hättest. Ich rede nicht von 5k auf dem Sparkonto für Notfälle oder von einem Einfamilienhaus. Aber mehrere Häuser, mehrere Autos, Privatflugzeuge, Jachten … das ist der Lebensstil, den sich nur leisten kann, wer deutlich mehr als für die Grundbedürfnisse nötig verdient. Und es kann sein, dass du arm geboren bist. Es kann sein, dass du es dir hart erarbeitet hast, in dem Beruf zu arbeiten, in dem du arbeitest. Aber wer hat entschieden, dass dein Beruf so viel besser bezahlt wird als andere? Arbeitest du härter als eine Pflegekraft? Hast du mehr Verantwortung für die Zukunft als Erzieher*innen?
Die allermeisten, die heute reich sind, sind eben nicht arm geboren. Ihre Eltern hatten schon die Möglichkeit, sie auf die besseren Schulen zu schicken, ihnen Bildungsurlaube und Nachhilfekräfte zu bezahlen, ihnen durch Beziehungen den ein oder anderen Weg zu ebnen.
Mein erster Computer war ein ausrangiertes Gerät aus der Firma, in der mein Vater gearbeitet hat, und ich musste ihn mir mit meinen drei Geschwistern und meinem Vater teilen. Die ersten Computer meiner Schüler*innen sind neue iPads und wenn ihnen der Stift einmal zu oft runter gefallen ist, bekommen sie einen neuen.
Proletarierhirn in Akademikerleben
Vielleicht ist es Neid, was es mir so schwer macht mit diesen unterschiedlichen Startsituationen umzugehen. Vielleicht ist es Hilflosigkeit, weil ich an den Umständen nichts ändern kann. Und ich habe es ja noch – vergleichsweise – gut getroffen.
Aber ich würde wirklich gerne durch Lektorate genug verdienen, damit ich wieder ehrenamtlich die unterrichten kann, die wollen, es sich aber nicht leisten können. Die verstehen, dass Bildung ein Privileg ist und keine lästige Notwendigkeit. Die nicht glauben, ein Recht auf die ganze Welt zu haben.
