Almost an Adult

Almost an Adult – auf der BuchBerlin

Figur, die davon fliegenden Ballons hinterher läuft

Eine alte Fabrikhalle voller Menschen – hohe Decke, trockene, kalte Luft, Stimmengewirr. Genau das Falsche für einen hypersensiblen Menschen mit Traumafolgestörung, oder?

Es war großartig!

Sicherheit aus Seiten

Ich habe mich noch nie in einem Raum sicher gefühlt, in dem keine Bücher sind. Eine Buchmessenhalle ist also quasi der sicherste Raum auf der Welt für mich, auch mit den ganzen fremden Menschen. Und all diese Menschen sind Buchmenschen, Autor*innen, Lektor*innen, Lesende, also sympathische Menschen.

Ja, ich weiß, auch Narzissten und Gewalttäter lesen (vermutlich). Aber dennoch fühle ich mich mit Menschen, die ein Buch in der Hand halten, instinktiv wohler.

Aber von vorne.

Zeitplanung ist was für Anfänger*innen

Die BuchBerlin war am 27. und 28. September. Weil ich ja gewöhnlich denke, ich sei Superhuman und könne alles, was andere auch können, habe ich für die drei Tage davor meinem Bruder und seiner Familie meinen Besuch angekündigt, um bei der Kinderbetreuung zu helfen. Kitaeingewöhnung und Vollzeitarbeit passt nicht so gut zusammen.

Ich liebe meine Nichte. Aber diese Zeitplanung war eher suboptimal. Kinder sind nun einmal kleine Energievampire und die lange Zugfahrt, die ich dafür auf mich nehmen musste, jetzt auch nicht so super hilfreich. Ich hatte eigentlich gedacht, während die Kleine in der Kita ist, ein wenig Arbeit erledigen zu können, aber sie fand in der Kita sein ziemlich blöd, dann war da noch der Hund und mein großes Schlafbedürfnis, so richtig viel mehr außer Notizen war nicht drin. Und dann habe ich die Zeit mit meiner Nichte genossen.

Die gehustet und genießt hat. Aber „sie kann dich nicht angesteckt haben, sie ist doch gar nicht krank“. Das ist das „er will doch nur spielen“ von Eltern 😉. Wer auch immer mich angesteckt hat, jedenfalls war ich am Freitag bereits angeschlagen.

Bahnfahren ist nichts für Ungeduldige

Auf die Bahn schimpfen ist immer beliebt und einfach, wenn mensch selbst nicht darin steckt und nicht weiß, wo der Fehler liegt. Oftmals sind es ja auch die Bahnfahrenden selbst, die den Betrieb aufhalten, wenn sie auf den Toiletten rauchen, sich in der offenen Tür langwierig verabschieden oder ihr Fahrrad auf dem Fluchtweg verkeilen. In diesem Fall war es u.a. ein Stellwerkbrand, der wohl durch mangelnde Wartung zustande gekommen ist. Menschliches Versagen. Kommt in allen Firmen vor. In manchen gefühlt häufiger als in anderen.

Jedenfalls hatte ich auf dem Rückweg aus Bremen schon Verspätung (wir haben sage und schweige 30 Minuten auf einen ICE gewartet. Auf eine Regionalbahn warten Züge nicht mal 2 Minuten.) Die Strecke nach Berlin am Wochenende war (wegen des ausgefallenen Stellwerks) komplett gesperrt und ich musste einen riesigen Umweg fahren. Später als geplant, weil das Aufstehen nicht so geklappt hat, erkältet und in vollen Regionalbahnen – spaßig!

Bücher rechtfertigen alles

Als ich endlich ankam, war ich dementsprechend schon ziemlich fertig. Aber im Vergleich zu meiner letzten Buchmesse vor zwei Jahren habe ich den Lohn meiner vielen Therapie wirklich gemerkt. Ich bin anders vorgegangen als zuvor, ich habe mich nicht sofort ins Gewimmel gestürzt, sondern meiner Angst und mir Zeit gelassen, anzukommen, mich umzusehen. Ich habe Gesprächsangebote abgelehnt, um erstmal nur zu schauen. Ich hatte ein spezielles Outfit dabei, das wie eine Rüstung fungierte. Ich war nicht mehr Cora Albrecht mit sozialen Ängsten und Traumafolgen, sondern Lektor*in Cora Albrecht auf der Suche nach neuen Kund*innen!

Und Tatsache, obwohl mein Husten immer lauter und meine Stimme immer rauer wurde, habe ich mit mehr Menschen gesprochen als sonst in einem Monat. Habe freigiebig meine Visitenkarte verteilt und mich als Lektor*in angeboten, obwohl ich doch sonst Probleme habe, überhaupt anzusprechen, dass ich Lektorate mache. (Wenn du durch die BuchBerlin auf diese Seite gestoßen bist und dich über all das Chaos und das Psychogerede wunderst: Meine Lektoratsseite ist noch nicht fertig. Und im Lektorieren bin ich viel professioneller als im Marketing 😉.)

Ausgelaugt und glücklich

Am Sonntag musste ich mich sehr früh auf den Heimweg machen, weil meine Kräfte völlig am Ende waren (dieses Mal haben wir 80 Minuten auf Personal aus einem anderen Zug gewartet), aber ich war motiviert und begeistert wie nie. Leider musste ich dann erstmal zwei Wochen die Couch hüten, weil dieser Kita-Virus (ich bin mir sicher, das er dort her ist) sehr viel hartnäckiger war als gedacht. Aber ich weiß, für keine meiner bisherigen Jobs hätte ich es auf mich genommen, krank unter fremde Menschen zu gehen. Dieses Wochenende, von dem meine Lunge sich immer noch nicht voll erholt hat, hat mir gezeigt, wie sehr ich das will: in der BuchBubble arbeiten, auch wenn die Verdienstmöglichkeiten schlecht sind (wusstet ihr, dass Lektor*innen vergleichsweise den niedrigsten Stundensatz von allen kreativen Soloselbstständigen haben?), auch wenn ich dafür immer wieder mit neuen Menschen in Kontakt treten und mich selbst verkaufen muss (der Horror!). Ich will das!

Also kann ich es auch.

Kommentar verfassen