
Ich habe euch in Almost an Adult 25.32 erzählt, dass ich bei einer Lesung aus „Muskeln aus Plastik“ von Kay Matter war. Ich wollte euch mehr über their Buch erzählen, wenn ich durch bin. Ich bin durch.
Es ist 17:18 Uhr, laut Google sind immer noch 33° C und mein Kopf rauscht. Ich habe sooo viele Gedanken dazu im Kopf. Ich glaube, ich werde das Buch noch mindestens einmal lesen müssen und mir dann die Zeit nehmen, an den Stellen zu unterbrechen, an denen ich mir meine eigenen Gedanken notieren will. Und ich werde auf jeden Fall einiges von den zitierten Büchern und Artikeln suchen und lesen.
Ich snowballe von Kays Buch aus direkt rein in die soziologische Betrachtung von Transness, Schmerz und Disability.
Der Autor Kay
Kay ist trans*maskulin und leidet an Post-COVID, das hat he mit der gleichnamigen Hauptfigur seines Buches gemeint. Und allgemein ist das Buch kein Roman, auch keine Biografie, wie he auf der Lesung sagte, denn natürlich sind viele Facetten fiktionalisiert, schon allein durch das Aufschreiben. Viele Kapitel haben essayistische Form, andere sind kleine Szenen, die sich schon fast cinematografisch lesen – Kay hat szenisches Schreiben studiert, das merkt mensch.
Trotz Post-COVID schreibt Kay ein Buch, macht Lesungen – das beeindruckt mich enorm, dier ich mich immer nicht traue, Termine zu machen, denn ich könnte ja in einem halben Jahr eine schlechte Phase haben.
Die Figur Kay
Das Buch hat weder einen klassischen Anfang noch ein klassisches Ende, geschweige denn einen Spannungsbogen oder eine Heldenreise. Die Lesenden werden direkt rein geworfen in das verschwommene Dasein von Kay, who ein wahrer Held ist (ich habe keine Ahnung, welches Demonstrativpronomen ich nehmen soll, aber das Englische hilft uns ja öfter mit geschlechtsneutralen Formulierungen aus). Die Lesenden schwimmen mit in Kays Leben aus Schmerz und Erschöpfung und Einsamkeit und wahrlich tiefen, philosophischen Gedanken, wie sie mensch vielleicht auch nur dann denken kann, wenn sier wirklich auf sich selbst zurückgeworfen ist und jegliche Ablenkung von einem Sozialleben fehlt.
Dabei behandelt Kay so viele Themen, dass ich sicher etwas vergessen werde.
Trans* sein
Erstmal die offensichtlichen: trans* Identität. Nicht nur Kay, auch zwei weitere Figuren im Buch sind trans*, woraus sich eine angenehme Vielschichtigkeit ergibt. Trans* zu sein kann so vieles bedeuten und cis Menschen denken so selten darüber nach. Hell, selbst ich denke so selten darüber nach, dabei identifiziere ich jetzt schon mehrere Jahre als trans* (meine eigene Trans*biografie werde ich in diesem Rahmen auch mal niederschreiben, ich habe zu viele Gedanken für nur einen Text).
Und wenn auch ich daraus lernen kann, so können es erst recht alle unsere cis Allies, die nie damit konfrontiert waren, misgendert zu werden oder sich immer wieder erklären zu müssen.
Kay ist auf their Reise weiter als ich. Kay hat ein anderes Ziel als ich, da ich als genderfluid und nicht als trans*maskulin identifiziere. Aber ich habe mich nie mit einer geschlechtsangleichenden medizinischen Behandlung beschäftigt und auch das Thema Selbstbestimmungsgesetz umgehe ich noch. Im Winter war ich kurz davor, im Standesamt mein Geschlecht auf „divers“ ändern zu lassen. Dann kam die Wahl und ich hatte unseren wunderbaren Bundeskanzler so verstanden, dass es gewissermaßen seine erste Amtshandlung sei, diese Entscheidung für non-binäre Menschen wieder zu verbieten. Also habe ich aufgegeben, ohne es überhaupt versucht zu haben.
Vielleicht ist Kay mutiger als ich. Vielleicht ist in Kays „Generation“ (uns trennt keine Generation, aber doch einige Jahre) die Entscheidung leichter. Ganz sicher ist die Entscheidung leichter, wenn mensch andere Trans*menschen in sienem Umfeld hat, und dafür eignet sich Berlin besser als meine Heimat. Ich struggle ja noch mit den Pronomen.
Aber ich bin auf der Reise. Und dass diese Reise niemals abgeschlossen ist, betont Kay auch.
Krank sein
Über die Erkrankung Post-COVID bzw. ME/CFS behandelt Kay mehrere Themen zugleich. Die Erkrankung ist gekennzeichnet durch Schmerz und Erschöpfung – beides kenne ich durch meine Traumafolgestörung zur Genüge. Nach traditioneller Meinung würde mensch vielleicht unterscheiden, dass ME/CFS körperlich ist und Depression und Angst psychisch – aber einerseits wird auch ME/CFS aus Unwissenheit und Überforderung oft über die Psyche behandelt, ich selbst hatte einen Mitpatienten auf der allgemeinen Psychotherapiestation in der Klinik. Und andererseits ist ja mittlerweile hinreichend bekannt, dass die Psyche eine Funktion des Körpers ist. Auch psychosomatische Schmerzen sind echte Schmerzen. Nur die Behandlung ist eine andere.
Nachdem ich am Montag vergangener Woche bei der Lesung war und mich dabei psychisch verausgabt habe (anxiety lässt grüßen), hatte ich ein paar Tage Erkältungssymptome. Kay reagiert mit Schmerzen und Fieber auf Anstrengungen, ich auch? Auch ich brauche von scheinbar einfachen Tätigkeiten unverhältnismäßig viel Erholung. Zu meinem Glück kann ich mich – anders als Kay – durch körperliche Betätigung erholen.
Kay schreibt über die Probleme der (mangelnden) Teilhabe, wenn mensch chronisch erkrankt/behindert ist. Ich konnte es bei meinem Mitpatienten in der Klinik sehen – auch ihm wurde gesagt, er solle doch einfach an den Therapien teilnehmen, „einfach mal rausgehen“, aber er konnte es nicht. Er konnte – rein physisch – kaum von seinem Bett zu seinem Platz im Aufenthaltsraum gehen. Genauso kann ich – rein physisch – manchmal meinen sicheren Raum, bestehend aus Wohnung, Balkon und Garten, nicht verlassen. Und es ist ein anderes „nicht können“, als es das „nicht können“ eines Menschen mit einer Lähmung ist, na klar. Wir fallen nicht sofort. Wir überschreiten unsere Grenzen, wir zwingen uns dazu und lächeln, und fallen später.
(Nicht-)Teilhabe
Ich weiß, beim Thema „Barrierefreiheit“ sind wir auch bei Menschen mit Seh-, Hör- oder Gehbehinderungen bei weitem nicht dort, wo wir sein sollten. Aber Barrierefreiheit für Menschen mit sozialen Ängsten, für Menschen, die zu viel wahrnehmen und daher besonders schnell überreizt sind, und so viele andere hat noch gar nicht angefangen.
Menschen mit ME/CFS profitieren von einem Teil der Hilfen für Menschen mit Rollstühlen. Aber im Fahrstuhl stehen zu müssen, anstatt die Treppe zu nehmen, ist vermutlich nur eine kleine Hilfe (mein Gedanke, steht so nicht im Buch). Dass Menschen unterschiedliche Energieressourcen haben, selbst für die schönen Dinge, ist im Allgemeinverständnis immer noch nicht angekommen. Und dafür brauchen wir noch nicht einmal auf eine Erkrankung zu verweisen, unsere Erkrankungen sind nur das Ende der Energieskala, auf der sich Menschen – auch abhängig von der Tagesform – bewegen.
So fiel, was ich nicht weiß
Ich habe aus dem Buch gelernt, mich mehr mit den sozialen und soziologischen Implikationen von Schmerz, Angst und Erschöpfung beschäftigen zu wollen. Einzelnen Menschen zuzuhören hilft diesen Menschen, aber es beugt gewisse Dinge nicht vor. Ich möchte aber, dass sich durch meine Arbeit, durch mein in-der-Welt-sein etwas ändert. Kays Buch ist der Anfang einer hoffentlich langen Leseliste – und Gedanken dazu, die ich mit euch teilen werde. Ich habe Energie daraus geschöpft, meine Energielosigkeit gespiegelt zu sehen. Nicht allein zu sein.
Und Kays Art zu schreiben spiegelt meine Art zu denken ebenfalls. Aber das nur am Rande.
