Almost an Adult

Almost an Adult 26.01

Figur, die davon fliegenden Ballons hinterher läuft

Mensch sollte meinen, ich lebe schon so lange mit meiner Erkrankung, ich sollte mittlerweile den Umgang mit ihr aus dem Effeff können. Ich sollte wissen, was mir guttut und was nicht. Falsch gedacht.

Eigentlich weiß ich, dass ich Alkohol selbst in kleinsten Mengen nicht vertrage, dass ein Abweichen von meiner gewohnten Schlafenszeit nicht gut ist und ich während der Periode ohnehin zu wenig zu gebrauchen bin. In dieser Woche kam alles zusammen.

Einmal wie alle sein

Es war schließlich Sylvester! Dank Geknaller und bunter Lichter kann mensch sowieso nicht vor ein Uhr schlafen, auch wenn es bei uns am Stadtrand vermutlich erträglicher ist als an einem zentraleren Ort. Und „man macht das halt so“. Also sind auch wir bis Mitternacht wach geblieben, auch wenn wir wie immer zu zweit allein zu Hause waren. Es fiel uns gar nicht schwer, nachdem wir schon die Tage zuvor die Zubettgehzeit immer weiter verschoben haben.

Neujahr habe ich dann bis 11 Uhr geschlafen, einen Kakao mit Koffein getrunken und bin mit Katze und Buch wieder ins Bett gegangen. Nach einem halben Kapitel habe ich „nur mal kurz“ die Augen zu gemacht und es war 15.15 Uhr. Ich war unterzuckert, dehydriert und allgemein matschig. Bis ich dann ausreichend gegessen und getrunken hatte, dass ich mein Antidepressivum vertragen hätte, war es schon lange zu spät dafür. Ich nehme sie für gewöhnlich morgens, einige Stunden später kann schon zu einer Überdosierung am nächsten Tag führen.

Das rächt sich

Ich weiß, dass ich meine Medikamente brauche und dass Absetzerscheinungen nicht das gleiche sind wie Entzugserscheinungen. Ein Diabetiker mag auch abhängig von Insulin sein, ohne dass es sich um eine Sucht handelt. Aber mittlerweile nehme ich die Antidepressive so lange und in einer so hohen Dosis, dass sich eine ausgefallene Dosis schon bemerkbar macht. Und das lässt mich immer wieder an ihnen zweifeln.

Die Nacht über konnte ich nicht schlafen – schließlich hatte ich ja auch den halben Tag verschlafen. Während ich im Dunkeln neben meiner Frau wach lag, hatte ich düstere Gedanken, also bin ich wieder aufgestanden, um im Wohnzimmer etwas zu lesen. Bei Licht war ich sofort wieder totmüde. Aber im Bett habe ich mich nur von einer Seite auf die andere gedreht, geschwitzt und gefroren gleichzeitig, mit rasendem Puls und gruseligen Wachträumen.

Am frühen Morgen bin ich eingeschlafen, habe mich durch eine Reihe Albträume gequält, und wieder bis 11 im Bett gelegen. Aber dieses Mal bin ich nach dem Aufstehen aufgeblieben, habe meine Medikamente genommen, Yoga gemacht, meinen geplanten Rhythmus befolgt.

Ich konnte trotzdem nicht arbeiten und bei jeder Kleinigkeit kamen mir die Tränen. Ich wollte weinen, weil die „Der Herr der Ringe“-Filme so wunderbar sind und weil mein Leben verwirkt ist, weil ich keinen Anteil daran hatte. So viel zu meiner mentalen Verfassung.

Keine Panikmache, nur Aufklärung

Ich schreibe das nicht, um vor Antidepressiva zu warnen. Für mich, wie für viele andere, sind sie ein Segen. Ohne die Medikamente könnte ich vermutlich nicht mehr aufstehen, vermutlich würde ich ohne sie nicht einmal mehr leben. Aber auch mit Medikamenten ist nicht alles gut.

Ihr alle, die ihr das Glück habt, ein gesundes Gehirn zu haben, seid dankbar! Und habt Geduld mit uns, die wir es nicht haben. Wir sind nicht schwach, wir müssen nur auf mehr Dinge im Alltag achten. Wir müssen uns an unsere festen Routinen halten, also lasst uns nachts schlafen, startet mal eine Party um 16 Uhr statt kurz vor Mitternacht, erwartet nicht von uns, dass wir das Gleiche schaffen wie ihr.

Wir schaffen etwas, das ihr nicht einmal versucht habt: auf dem Drahtseil stehend den Abwasch bewältigen, den Müll rausbringen, die Miete zahlen und uns immer wieder selbst hochziehen, wenn wir mal wieder abgerutscht sind.

Und sonst?

Ich habe neuerdings viel Traffik aus Hongkong, was bedeutet das? Ein neues Jahr hat begonnen und natürlich habe ich mir Dinge vorgenommen, auch wenn ich es nicht Vorsätze nennen würde. Ich bin jetzt offiziell hauptberuflich selbstständig, nicht mehr arbeitslos, auch wenn sich das bisher nicht anders anfühlt. Ich reise mit einem Gartengnom durch eine Fantasywelt und male darüber. Ich werde einen Etsy-Shop eröffnen.

Folgt meinem Blog und meinen Social Media Accounts, unterstützt mich bei Patreon und drückt mir die Daumen, dass ich die Medikamente nicht so bald wieder vergesse.

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