
Neues Jahr, neues Glück?
Neues Jahr, alter Schmerz.
Kaum ist im Alltag wieder etwas Ruhe eingekehrt nach Feiertagen und Familientreffen, kaum denke ich, ich könne etwas arbeiten, klopft das Trauma wieder an. Anscheinend hat es Angst, dass ich es vergesse.
Der Körper vergisst nicht
Auch wenn mein Verstand fast alles, was das Trauma betrifft, vergessen bzw. verdrängt hat, erinnert der Körper sich sehr gut und zeigt mir den alten Schmerz, auch wenn die zugrunde liegenden Verletzungen alle verheilt sind. Und gegen diese Schmerzen hilft keine Tablette, meistens hilft Bewegung, aber nicht von Dauer. Darüber reden oder schreiben hilft dem Körper auch nicht. Und ob die Zeit heilt? Wenn das so wäre, müsste alles längst wieder gut sein.
Mein Unterbauch ist geschwollen und brennt, meine Muskeln sind verkrampft und brennen, mein Mund ist trocken und – na, ihr wisst schon. Und der Instagram-Algorithmus zeigt mir Tag für Tag die Symptome eines zu hohen Cortisolspiegels und eines desregulierten Nervensystems.
Die Lösungen zeigen sie mir nicht. Klar, sie alle wollen ihre Kurse und ihre Nahrungsergänzungsmittel und was weiß ich, was noch alles, verkaufen. Und weil sie alle etwas verkaufen wollen, traue ich auch ihrer Onlinediagnose nicht (zum Glück, denn online können nie Diagnosen gestellt werden!) Aber das etwas nicht richtig ist, ist offensichtlich.
Ich kann nicht krank sein!
Gleichzeitig will ich aber auch nicht mit meiner Ärztin darüber reden aus Angst, sie diagnostiziert es als Stress (was es höchstwahrscheinlich auch ist) und sagt, ich solle eine Pause mit der Arbeit machen. Ich habe mich zu diesem Schritt in die Selbstständigkeit entschieden, wohlwissend, dass ich keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle bekommen kann.
Außerdem tut mein Bauch nicht weniger weh, wenn ich vor dem Fernseher stricke, als wenn ich am Schreibtisch sitze.
Das wunderschöne Winterwetter hat mich zu dem ein oder anderen Spaziergang gelockt, aber durch den hohen Pulverschnee war ich jeden dritten Schritt kurz davor, in die Knie zu gehen und mit dem Gesicht in den Schnee zu fallen. Liegen zu bleiben. Es erschien mir wie ein gutes Sinnbild meines aktuellen Lebens.
Ich bin nicht gefallen und nicht liegen geblieben. Warum nicht? (Abgesehen davon, dass -7°C echt kalt ist.) Es würde nichts lösen. Ich würde die Aufgaben nur in die Zukunft verschieben, sie würden nicht kleiner dadurch.
Gehetzte Gesellschaft
Geht es nur mir so oder betrifft es tatsächlich die ganze Gesellschaft? Wir haben Sonntag schon wieder Magenschmerzen, weil wir Montag wieder zur Arbeit müssen und wissen, wie viel Arbeit sich dort stapelt. Wir können aber auch nicht zu Hause bleiben, denn die Arbeit nimmt uns niemand weg. Wenn wir wieder kommen, wird es nur noch mehr sein. Also liegen wir krank zu Hause und sind gedanklich doch im Büro.
Wann hat das angefangen? Vor der Pandemie ist es mir nicht so aufgefallen, aber vielleicht auch nur, weil ich noch nicht so sehr im Berufsleben gesteckt habe. Dabei kannte ich dieses Gefühl schon in der Schulzeit. Ferien waren nicht dazu da, sich auszuruhen und nichts zu tun, sondern nachzuholen, was in der Schulzeit versäumt wurde, das nächste Schuljahr vorzubereiten, einmal gründlich aufzuräumen. Kein Wunder, dass ich schon lange vor dem Abitur ausgebrannt war.
Vielleicht ist das Wichtigste, was Kinder in gesunden Familien lernen, dass sie Pause machen dürfen ohne schlechtes Gewissen. Dass sie sich langweilen dürfen. Wenn ich zu meinen Eltern gesagt habe, dass mir langweilig ist, haben sie mir gleich Arbeit gegeben. Wenn ich gespielt habe, haben sie gefragt, ob auch die Hausaufgaben fertig sind.
Und wenn mensch perfekt sein will, ist niemals irgendetwas fertig. Es gibt immer noch mehr zu lesen, zu lernen, zu schreiben …
Ruhe finden
Jetzt ist es an mir, nach Ruhe zu suchen. Mich an meinen strukturierten Tagesplan zu halten und zu akzeptieren, dass danach Feierabend ist. Vermutlich wird es leichter sein, wenn ich bezahlte Aufträge habe und zumindest nicht um die Grundsicherung bangen muss. Wenn ich die Deadlines kommende Woche eingehalten habe. Oder verstreichen lassen, denn niemensch wartet auf meinen Beitrag bei einem Literaturwettbewerb. Aber wenn ich mich nicht bewerbe, kann ich auch nicht gewinnen.
Wenn ihr bis hier hin gelesen habt, hinterlasst mir doch mal einen Kommentar, damit ich weiß, dass ich mit meinen Worten nicht nur mich selbst beschäftige. Aber selbst wenn mein Blog größtenteils ein öffentliches Selbstgespräch ist, werde ich nicht damit aufhören. Denn irgendwann kommt vielleicht doch die eine Person, die mir schreibt, dass meine Worte ihr gezeigt haben, dass sie nicht allein ist. Und das ist mir meine Zeit wert!
