März ist Meryl

Die Liebe zu Fremden

Und damit kommen wir heute zu dem Film, der mich tatsächlich erst auf die Idee dieses Projekts gebracht hat: Julie & Julia von 2009.

Im Film geht es um zwei Frauen, Seelenverwandte, wenn auch getrennt durch Raum und Zeit. Julia (gespielt von Meryl Streep) zieht mit ihrem diplomatisch beschäftigten Ehemann durch Europa und lernt in Paris kochen, um nicht nur Ehefrau zu sein; Julie (Amy Adams) hat mehr als 50 Jahre später den Traum vom Schreiben für eine sichere Tätigkeit in der Verwaltung aufgegeben und lernt – durch ein von Julia geschriebenes Kochbuch – kochen, um darüber einen Blog zu schreiben: 524 Rezepte in einem Jahr. Der Film zeigt die Liebe zum Kochen und die Liebe zum Schreiben, aber auch diese etwas sonderbare, fanatische Liebe, die Julie für eine ihr völlig Fremde, nämlich Julia, empfindet.

Und darin besteht auch der größte Unterschied zwischen beiden Frauen: beide essen, kochen und schreiben gern, beide haben einen Ehemann, der sie bedingungslos unterstützt, aber in Julies Leben, Kochen und Schreiben drängt sich immer wieder dieses Fantasiebild von Julia, das Julie antreibt und zeitweise zum Wahnsinn treibt, dem Julie nacheifert, was immer wieder zu Problemen in Julies Ehe führt. Am Ende zeigt sich, dass die echte Julia von Julies Blog erfahren hat und gar nicht begeistert davon ist – eine ernste Sache für Julie, die sich so mit ihr identifiziert hat.

Dieses Problem zumindest besteht bei mir wohl kaum. Nicht nur, dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass Meryl Streep jemals von diesem Blog erfahren wird, bleibt mir noch die Hoffnung, dass sie nicht genügend Deutsch kann, um ihn zu verstehen. Außerdem habe ich vor, mich – anders als Julie – lediglich mit Meryls Arbeit zu beschäftigen, weniger mit ihrem Leben. Ich hasse dieses Verlangen, sich in den Alltag bekannter Menschen drängen zu müssen. Sicher haben sie als öffentlich wirksame Personen eine gewisse Verantwortung, vielleicht sogar die Verpflichtung, etwas von sich preiszugeben, aber dahinter sind sie auch immernoch Menschen wie jeder andere und behalten das Recht, auch etwas zurückzuhalten.

Doch zurück zum Film. Es gibt noch einen weiteren offensichtlichen Unterschied zwischen beiden Frauen: Julia ist eine schillernde Persönlichkeit, in der Lage, alle Menschen sofort für sich einzunehmen, eine Rolle, wie ich sie Meryl Streep sehr viel leichter abkaufe als die gestern beschriebene Hyäne, obwohl – beide Rollen kann Meryl gleichermaßen überzeugend spielen, doch ich hoffe, dass sie eher wie Julia und weniger wie Madeline ist. Julia ist selbstbewusst, sie setzt sich in einer von Männern dominierten Welt durch, als sie in ihrer Schule einen nur von Männern besuchten fortgeschrittenen Kochkurs besucht, anstatt sich mit dem „gelangweilte Hausfrauen“ Kurs zufrieden zu geben, und entwickelt darin soviel Ehrgeiz und Konkurrenzdenken, dass sie ihren Ehemann zu Hause mit einem riesigen Berg gehackter Zwiebeln überrascht. Ihre offenherzige Freude darüber, dass die Übung sich in der nächsten Stunde auszahlt und sie schneller als alle Männer ist, ist wunderbar.

Julie dagegen ist eher das Mädchen von nebenan – sie trifft sich mit Freundinnen, die sie gar nicht mag und die sie von oben herab behandeln, bleibt in einem Job, der sie nicht befriedigt, und fragt sich permanent, wozu sie sich mit ihrem Blog eigentlich solche Mühe gibt, ob irgendjemand ihn überhaupt ließt.

Und auch das passt irgendwie auf mich und Meryl. Jedenfalls das Bild, das ich von Meryl Streep habe, die ich übrigens niemals duzen würde, auch wenn ich hier immer nur den Vornamen verwende. Gottseidank stellt sich diese Frage in der englischen Sprache gar nicht, selbst wenn ich jemals die Ehre bekommen sollte, sie zu treffen, was ich natürlich nicht erwarte, aber ein Mädchen darf ja träumen.

Auch ich frage mich regelmäßig, ob irgendjemand überhaupt meine Worte ließt, jemand, der es nicht muss, weil er bzw. sie mit mir zusammen lebt und ich sie immer wieder danach frage. Auch ich frage mich, ob ich mir überhaupt die Zeit zum Schreiben nehmen sollte, schließlich gibt es schon so viele gute Bücher, warum sollte gerade ich noch etwas dazu beitragen können.

Und jetzt frage ich mich natürlich aus gegebenem Anlass auch, ob es Parallelen zwischen mir und Meryl Streep gibt. Ihre viel zitierte Rede bei der Golden Globe Verleihung hat mich sehr beeindruckt, nicht nur, was sie über die Beziehung von Hollywood und Ausländern gesagt hat oder über Donald Trump, sondern vor allem ihre Worte über die Rolle des Schauspielers, den ‚Act of Empathie‘, in dem Kunst besteht. „Take your broken heart, make it into art“, was sie im Übrigen von Carrie Fisher zitiert hat, dieser Satz in einer von Tränen zitternden Stimme hätte genügt, damit ich sie liebe, wenn ich es nicht vorher schon getan hätte. Genau das ist der Grund, warum ich schreibe, warum ich es immer getan habe und niemals damit aufhören werde – die Welt bricht mir jeden Tag von neuem das Herz und ich muss schreiben, um zu überleben.

Und genau darum hat mich dieser Film zu einer Meryl Streep-Challenge inspiriert. Ich könnte mich schließlich auch, wie Julie, durch ein Kochbuch arbeiten, wenn auch nicht gerade durch Julias, zu viel Fett und totes Tier. Doch wer sollte das alles essen?

Ich könnte mir natürlich wie Julie auch eine Frist setzen, 60 Filme in 30 Tagen, das erscheint doch machbar? Aber ich mache es lieber nicht. Es würde bestimmt dazu führen, dass ich nur noch fernsehe und nicht mehr schreibe, mich ganz bestimmt nicht mit jedem Film so intensiv auseinandersetze, wie ich es vorhabe. Und mal ehrlich, wenn ich für 60 Filme 80 Tage brauchen sollte, habe ich doch auch viel mehr davon, nicht wahr?

Julia ist also sehr viel schillernder als Julie, doch ist sie dadurch glücklicher? Julie zerfleischt sich permanent selbst und geht nur in ihrer Liebe zu Julia wirklich auf, Julia dagegen ist einfach fröhlich und genau darum strahlt sie so, nicht andersherum. Woher kommt nur unser Wunsch, einem bekannten Menschen nachzueifern, unsere Überzeugung, einen Menschen, den wir gar nicht kennen, zu lieben? Wir bilden uns immer ein, die Reichen und Berühmten seien so viel glücklicher als wir und wir wären gerne wie sie, wären wenigstens gerne mit ihnen bekannt – und ich nehme mich da ganz sicher nicht aus. Auch ich stelle mir gerne vor, mich mit Meryl Streep über Filme oder mit Joanne Rowling über Literatur zu unterhalten. Dabei sind sie doch eigentlich auch nur Menschen, keine besseren oder schlechteren Gesprächspartner als der Gegenüber in der Straßenbahn.

Die Julia ihrer Fantasie, der Julie nacheifert, sei viel wichtiger als die echte Julia, die ihren Blog nicht mag, sagt Julies Mann am Ende. Und genau darum geht es wohl. Dass wir bei den bekannten Persönlichkeiten, die wir bewundern, auch wenn wir sie nie getroffen haben, den echten Menschen mit all seinen Schwächen und Eitelkeiten ignorieren können, so einem Ideal nachlaufen, das wir zwar nie erreichen werden, das uns aber auch niemals kritisiert. Es ist einfach mit diesen Idealpersönlichkeiten. Doch können sie uns glücklich machen? Schließlich werden wir niemals so perfekt werden wie sie. Sie werden uns auch niemals auf die Schulter klopfen und unseren fehlgeschlagenen Versuch würdigen.

Vielleicht sind Menschen gern einmal auf diese Weise unglücklich, um ein Ventil zu haben für all die Selbstzweifel und Unsicherheiten, die wir im Alltag nicht zulassen können.

Wie dem auch sei: Ich werde mir jetzt ein paar Sojamedaillons panieren, ich habe Lust zu kochen!

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