Tagespolitisches

#mutland

„Wenn man sich nicht vor dem Leben fürchtet, ist das Leben wunderbar. Man braucht nur etwas Mut, Fantasie … und ein bisschen Geld.“

Charly Chaplin als Calvero („Rampenlicht“)

 

Aus doppelt gegebenem Anlass gibt es heute einen Beitrag außer der Reihe. Einerseits ruft mutland.org zu einer Blogparade mit mutigen Geschichten auf. Es ist nicht alles so schlecht in Deutschland, wie die Nachrichten, die selbst erklärten Weltenretter-Parteien und andere uns glauben machen wollen. Die Menschen sind nicht so schlecht, wie sie selbst glauben.

Und andererseits trifft es mich in diesem Moment besonders. Zwei Wochen habe ich mit dem Blogartikel ausgesetzt, weil ich keine Zeile in den Computer bekommen habe.

Also stelle ich mich offen vor meine Freunde, Bekannte und die Welt und gestehe:

Ich bin jung, hübsch, klug, halbwegs erfolgreich und – depressiv.

Um das ein wenig näher zu beschreiben. Ich bin genau da, wo ich sein will. Ich mache genau das, was ich machen will. Und dennoch will ich oft nicht sein. Daran ist niemand schuld. Die Traurigkeit überkommt mich, wie andere ein Schnupfen. Und natürlich gibt es Auslöser, die Nachbarin, die ihr kleines Kind anschreit, die Flüchtlinge im Mittelmeer. Auch für eine Grippe gibt es Auslöser. Aber die nassen Füße im Winter lassen sich einfach nicht immer vermeiden.

Ich weiß, es ist auch nicht meine Schuld, also warum kostet dieses Geständnis nur so viel Mut?

Nur keine Schwäche zeigen

Wir reden nicht gern über unsere Schwächen. Es macht uns verletzlich. Wer unsere Schwächen kennt, kann uns genau dort treffen. Doch warum gehen wir eigentlich immer davon aus, dass jeder uns schaden will? Nur wenn sie unsere Schmerzen kennen, können sie uns pflegen.

Wir glauben, dass wir nicht über unsere Schwächen sprechen dürfen. Weil es ungewohnt ist. Weil andere es nicht von uns erwarten. Weil wir funktionieren müssen.

Aber wie handeln wir denn, wenn sie sich vor uns schwach zeigen? Versuchen wir nicht auch, zu helfen, zuzuhören, zu unterstützen? Warum sollte uns das nicht auch passieren?

Wir haben keine Vorbilder für das Schwachsein. Die Arbeitskollegen sind stark – wenn sie zur Arbeit kommen. Die Helden in Filmen und Büchern sind natürlich auch stark. Und wenn wir als Kinder einmal liegen blieben, waren wir gleich Weicheier. Warum sollten wir also nicht auf stark machen, eine kesse Lippe riskieren, zuschlagen, wenn sonst nichts mehr hilft? Wir sind doch schließlich auf funktionierende Beziehungen angewiesen.

Freundschaftslektion Nummer 1: Seien Sie ganz Sie selbst

Aber haben diese Beziehungen überhaupt jemals funktioniert, wenn sie von uns erwarten, Roboter zu sein? Brauchen wir diese Beziehungen wirklich, die uns nicht zugestehen, ein Mensch zu sein?

Schwäche ist völlig normal. Depressionen sind natürlich ein wenig mehr als nur ein Stimmungstief, aber dennoch kein persönliches Versagen. Und welche Diabeteskranke würde sich dafür schämen, dass ihre Bauchspeicheldrüse zu wenig Insulin produziert?

Mein Gehirn produziert zu wenig Serotonin.

Depressionen sind nicht nur eine Schwäche. In der Langsamkeit, zu der sie führt, liegt eine Kraft, genauer auf die Welt zu achten. Wir Depressiven geben uns nicht sofort zufrieden, wir zweifeln noch die beste Erklärung an. Und vielleicht war die Erklärung ja auch gar nicht so perfekt, wie sie auf den ersten Blick erschien.

Wir sind die Träumer, die Denker. Die Spieler. In den Träumen unserer schlaflosen Nächte besuchen wir die Hölle – uns sorgen dann dafür, dass sie niemals Wirklichkeit wird.

Wenn wir ehrlich zu uns selbst stehen, erkennen wir erst, in welchen Beziehungen wir gut aufgehoben sind. Es ist nicht nur eine platte Formel, dass wir wahre Freunde erst in Krisen erkennen. Und was sollen wir denn mit den anderen?

Es ist meine Geschichte!

Wenn alles am Ende scheint, bleibt uns nur noch unsere Geschichte. Und ich habe tatsächlich kaum schlechte Erfahrungen damit gemacht. Als ich mich als Lesbe geoutet habe, habe ich auf negative Reaktionen gewartet. Es kamen keine. Als Schreiberin musste ich mich nicht outen, das war immer erkennbar.

Heute oute ich mich als Depressive. Das bedeutet für mich vielleicht, dass ich häufiger fehle, bei der Arbeit, beim Sport, bei Familientreffen. Es bedeutet, dass ich manchmal das Bett nicht verlasse oder wenn, dann nur bis zur Couch. Dass ich Junkfood in mich reinstopfe und Netflix leer sauge. Es bedeutet auch, dass ich zwischen Zeilen lese. Zwischen Tönen höre. Meine Fühler ausstrecke nach Menschen, Tieren, Blumen um mich herum. Dass ich die bin, die ich bin.

Und ich bereue nichts.

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