Schreibübungen · Schreiben als Selbstfürsorge

Mein Dämon

Sie baut sich auf, knapp unterhalb meines Brustbeins. Sie wartet auf den richtigen Moment.
Sie war nie meine Freundin, das weiß sie. Ich hatte immer Angst vor ihr, habe sie mir immer verboten. Deshalb greift sie aus den Schatten an.
Riesengroß und rot-schwarz bricht sie über mich her, wie ein Mantel aus Feuer. Ich habe ihr nichts entgegenzusetzen, ich habe es nie gelernt. 
Der Geschmack von Rauch und Blut legt sich auf meine Zunge, ich kann nichts mehr sehen. Sie schlägt um sich mit meinen Armen und meiner Zunge, doch die Worte, die ich höre, passen nicht zu mir, entstammen nicht meinem Geist. Es sind ihre Worte und wie so oft bin ich die Einzige, die sie hört. 
Sie ist schüchtern geworden, sie zeigt sich nur noch, wenn wir allein sind. Aber dann lässt sie mich nicht los, kreist schimpfend um und in meinem Kopf, bringt mein Blut zur Wallung, erstickt mich. 
Sie erstickt mich, weil ich sie nicht sprechen lasse, weil sie nicht meine Freundin ist. 
Ein Teil von mir weiß, dass sie lieber für statt gegen mich kämpfen würde. Aber ich bilde mir immer noch ein, dass ich ohne Kampf durch den Krieg da draußen kommen kann. Ich will doch von allen gemocht werden, ich will doch meine Unzulänglichkeit an niemandem auslassen, selbst nicht an denen, die es verdient haben. Sie haben schließlich alle ihre Geschichten, ihre Trigger, ihre Dämonen. Ich verstehe immer alle anderen. 
Weshalb mein schwarz-roter Dämon mich aus den Schatten anspringt, wenn ich müde bin, wenn ich nicht damit rechne. Und plötzlich erhebe ich die Stimme oder die Hand gegen ein Kind, das einfach nur ein Kind ist, also laut und beweglich. 
Es kostet mich alle Kraft, den Dämon niederzuringen, das Echo seiner – ihrer Stimme hallt noch tagelang in meinem Kopf. Dabei wollte sie mir doch nur zeigen, dass ich mich schon wieder zu lange übersehen habe. 
Sie lauert knapp unter meinem Brustbein, um plötzlich brüllend vor mich zu springen, wenn sie mich in Gefahr wähnt. Sie liebt mich immer noch, obwohl ich so lange gelernt habe, sie zu verachten. Vielleicht sollten wir mal zusammen ein Bier trinken gehen, meine Wut und ich. 
Bestimmt.

Das ist meine Bearbeitung einer Aufgabe meines „Schreiben als Selbstfürsorge“-Projekts. Jeden Samstag gibt es auf Instagram eine neue Aufgabe, die euch und mir dabei hilft, uns besser kennenzulernen, uns auszudrücken oder einmal Urlaub von unserem Leben zu machen. Wer teilnehmen mag, teilt gerne ihre Lösung unter #metallstiftwundenheilen. Wichtig ist bei allen Aufgaben, wirklich frei und ohne nachzudenken zu schreiben. Es gibt kein richtig oder falsch. Nur ein ganz bei sich sein.

Aufgabe am 29. Januar war, deine Wut sprachlich zu erforschen, ihr Aussehen, ihre Gestalt, ihre Wirkungen.

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