Almost an Adult

Almost an Adult 23.28

Figur, die davon fliegenden Ballons hinterher läuft

Ich gehöre noch zu der Generation, die durchzieht, das verlangt mein Pflichtgefühl, hat sie gesagt. Dieser Satz hängt mir jetzt schon über eine Woche im Kopf fest.

Habe ich nicht ausreichend Pflichtgefühl, weil ich mich krankschreiben lasse, wenn ich krank bin? Und was hat das überhaupt mit der Generation zu tun?

Die erste Woche der Sommerferien ist wie immer eine Zeit der Reflektion und damit der Depression. Zu wenig Zeit bekommt mir nicht. Zu viel Zeit nachzudenken aber auch nicht.

Dann frage ich mich, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich nicht seit meiner Kindheit krank wäre. In jeder zweiten Klausurphase im Gymnasium war ich so depressiv, dass ich kaum meinen Namen wusste. Aber damals habe ich mich nicht krank gemeldet, ich habe durchgezogen, ich habe ja nicht einmal gewusst, dass ich depressiv bin. Ich habe nur gedacht, ich sei faul, wenn ich, anstatt zu lernen, fünf Stunden bewegungslos aus dem Fenster hinter meinem Schreibtisch gestarrt habe. Meine Lehrerin hat sich gewundert, warum ich in einer Klausur eine 1 schreibe und in der nächsten im selben Fach eine 5, sie hat mich danach gefragt, aber ich wusste es ja auch nicht. Sie hat meine Mutter gefragt, die wusste nicht einmal etwas von der 5. Das war peinlich.

Dennoch hatte ich im Abitur eine 1 vor dem Komma. Was hätte ich wohl studieren können, wenn ich gesund gewesen wäre?

Im Studium habe ich es meistens geschafft, nur zwei Veranstaltungen zu versäumen und so meine Punkte bekommen. Die Prüfungen geballt am Ende der Vorlesungszeit habe ich eher überlebt als absolviert, in der Vorlesungsfreien Zeit hat die Depression mich oft so raus gerissen, dass ich nur die Hälfte der notwendigen Hausarbeiten geschrieben habe.

Habe ich mein Studium halt notwendigerweise um ein paar Semester verlängert. Was heißt das schon?

Jahre, in denen ich noch nicht sozialversicherungspflichtig arbeiten konnte. Jahre, in denen ich kein Geld zurücklegen konnte, um jetzt mein Bafög abzubezahlen. Dafür Jahre, in denen ich zusätzliche Schulden angesammelt habe.

Wo wäre ich jetzt, wenn ich gesund wäre?

Ich könnte Vollzeit arbeiten, ich müsste mich nicht faul nennen und meine Arbeitsmoral in Frage stellen lassen. Ja, ich war seit über einem Jahr nicht mehr wegen der Depression krank geschrieben. Ja, eine Depression schwächt das Immunsystem, macht mich anfälliger für Atemwegsinfekte. Sie schwächt nicht die Knochen, aber wenn ich nicht mittlerweile eine solche Angst davor hätte, mich krank zu melden oder zu spät zu kommen, Fehler zu machen, wäre ich vielleicht im Dezember vorsichtiger gefahren, wäre nicht gestürzt und hätte mir nicht das Handgelenk gebrochen. Alles hängt mit allem zusammen.

Ja, diese Gedanken sind müßig. Ich kann nicht ändern, wer ich bin, und in der Schule ist ein Ausfall schwerer zu kompensieren als in manchen anderen Berufen. Aber ich glaube auch, dass die Depression mich zu einer besseren Lehrerin macht.

Sie macht mich einfühlsamer. Ich weiß, wie es ist, als Kind depressiv zu sein und nicht gesehen zu werden. Ich sehe Kinder anders. Sie macht mich offener. Ich weiß, dass jede Depression anders ist und Behandlung Versuch und Irrtum. Ich bin bereit, neue Dinge zu versuchen. Sie macht mich dankbarer. Denn ich könnte auch viel tiefer fallen. Ich könnte komplett arbeitsunfähig werden. Und da ich mich auf Grund der frühen Erkrankung nie dagegen versichern konnte, könnte ich auf Bedarfssicherung angewiesen sein. Was verdammt wenig ist.

Diese erste Woche der Ferien habe ich viel nachgedacht, wenig getan. Gelesen, gemalt, den Garten umgegraben, nach Frieden und Ruhe gesucht. Ich habe noch mindestens ein Schuljahr vor mir. Und ich glaube, ich freue mich sogar darauf.

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