
Es heißt, sozialer Rückzug sei ein Anzeichen einer Depression.
Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals bewusst von anderen zurückgezogen zu haben. Ich war nur immer zurückhaltend. Ich wusste nie, wie man Freundschaften schließt, und als Erwachsene wurde das nur schwerer. An der Uni war es noch relativ leicht. Wir waren alle jung, alle begeistert von der Philosophie, alle neu in der Stadt und ohne Kontakte. Und auch dort musste ich warten, bis ich von anderen “adoptiert” wurde.
Im Berufsleben sind wir alle viel zu beschäftigt. Neben Vollzeitstelle und Haushalt überhaupt noch etwas zu schaffen, scheint für viele unmöglich, der Erfolgsdruck und die schlechten Nachrichten aus der Welt laugen uns alle aus. Und die Glücklichen von uns haben ja auch Freund*innen aus den früheren Lebensphasen mitgebracht, haben Mann/Frau, Kinder, Hund – und sind ausgefüllt.
Ich bin sehr glücklich in meiner Ehe. Meine wenigen Freund*innen aus der Uni bezeichne ich immer noch gerne als Freund*innen, aber wir wohnen nicht mehr in einer Stadt und wir sehen uns selten. Ich liebe meine Familie und unser Verhältnis ist mit den Jahren eher enger als loser geworden. Aber wir wohnen nicht mehr in einer Stadt und wir sehen uns selten.
Ich bin einsam.
Vielleicht ist die Einsamkeit so tief in meine Hirnanatomie eingeschrieben, dass ich sie niemals loswerden kann. Einsam ist einfach my way to be. Aber vielleicht ist es doch ganz sinnvoll, neben Arbeit und Ehe noch zwei, drei regelmäßige Kontakte zu haben.
Es geht mir nicht gut im Moment. Das macht mich nicht mutig, aber fatalistisch, weshalb ich mutiger handle. Ich habe keine Hoffnung auf ein positives Ergebnis, aber denke mir, was kann ich denn in diesem Moment noch verlieren? Verlorener kann ich mich gar nicht fühlen. (Stimmt übrigens nicht. Ich habe es mehr als einmal erlebt, dass ich selbst in meiner momentan gedrückten Stimmung immer noch verletzt werden kann.)
Ich war – von außen betrachtet – mutig diese Woche und habe eine Nachbarin gefragt, ob wir vielleicht mal etwas zusammen machen wollen. Wir haben von Anfang an freundlichen Kontakt gehabt, ich habe mit ihr so viel geredet, wie mit keiner Nachbarin vorher. Wir haben – soweit ich das einschätzen kann – ähnliche Wertvorstellungen. Ich denke, wir könnten Freund*innen sein.
Was das Ganze verkompliziert, ist, dass mein inneres Kind auf sie ein unerfülltes Mutterbedürfnis überträgt. Ich kenne dieses Gefühl zur Genüge, ich habe es meine ganze Jugend über zu analysieren versucht, mittlerweile kann ich ansatzweise verstehen, woher es kommt. (Nur um das klarzustellen: Meine Mutter hat mir gegeben, was sie mir geben konnte. Was nicht wenig war. Aber anscheinend auch nicht genug.)
Diese Nachbarin hat Familie. Und als Nachbarin bekommt man ja doch einiges mit, selbst wenn ich meine stalkerischen Eigenschaften bisher ganz gut im Griff hatte. Und ihre Familie ist einfach so, wie ich mir meine immer gewünscht habe. Eltern, die sich ihre gegenseitige Zuneigung zeigen. Kinder (im Teenageralter), die gerne etwas mit ihren Eltern machen. Eltern, die sich Zeit für ihre Kinder nehmen. Und mein inneres Kind möchte unbedingt Teil dieser Familie sein.
Deshalb beobachte ich vielleicht ein bisschen zu viel, was in Nachbarins Garten passiert. Deshalb versuche ich vielleicht ein bisschen zu sehr, ein Gespräch anzuknüpfen. Aber wie viel ist zu viel?
Ich habe sie also gefragt, ob wir mal etwas gemeinsam machen wollen. Im Moment sehen wir uns im Grunde täglich, die Wohnungen sind mit Garten, es ist Sommer, ich bin quasi die ganze Zeit draußen. Aber bald kommt der Herbst und Begegnungen im Hausflur oder am Briefkasten werden seltener werden. Sie wird mir fehlen. Dem wollte ich vorbeugen.
Sie hat geantwortet, dass sie eigentlich schon ganz schön ausgebucht ist. Ich habe damit gerechnet. Im Gegensatz zu mir sitzt sie nicht fast täglich mit einem Buch im Liegestuhl. Im Gegensatz zu mir arbeitet sie Vollzeit (glaube ich). Und sie hat Familie.
Aber tatsächlich hätte ich mehr von fünf Minuten am Tag als von drei Stunden alle paar Wochen. Und hat nicht jeder fünf Minuten? Nur ein kurzes, ernstgemeintes “Wie geht es dir?”, ein “Ich sehe dich” und eine Umarmung. (Sie umarmt ihre Teenager in aller Öffentlichkeit und diese lassen es zu. Habt ihr sowas schon mal gehört?)
Freundschaften zu pflegen ist schwierig für mich. Selbst wenn wir in einer Stadt wohnen und ein Besuch nicht gleich ein ganzes Wochenende beansprucht, muss man erstmal einen Termin finden, an dem beide Zeit haben. Auch wenn ich nur Teilzeit arbeite, habe ich erstaunlich wenig Zeit. An Tagen, an denen ich arbeite, mag ich hinterher niemanden mehr sehen, mein Sozialakku ist leer. Und ich brauche auch meine ganz freien Tage, um in meine Schreibprojekte abzutauchen. Dann kommen noch Arzt- und Therapietermine dazu.
Und finden wir einen Termin und machen wir etwas aus, dann fühle ich mich unter Druck gesetzt. Bestimmt geht es mir gerade an dem Tag nicht gut, aber ich weiß nicht, ob ich absagen darf, nur weil ich Kopfschmerzen habe. Dann muss ich irgendwo hinfahren, aber zum Radfahren ist es zu heiß/zu nass/zu windig und in der Straßenbahn sind so viele fremde Menschen. Man trifft sich in einem Café und dort trifft man ebenfalls auf fremde Menschen.
Eine Freundschaft zu einer Nachbarin wäre ideal. Wir könnten uns spontan sehen, ohne mich durch einen Termin unter Druck zu setzen. Ich müsste nirgendwo hinfahren. Ein “es muss sich ja lohnen”, gilt nicht. Wir sehen uns ja ohnehin immerzu.
Ich habe trotz der Hitze sehr viel im Garten gearbeitet, um die Situation nicht zu überanalysieren. Ich habe meinen Move gemacht. Mehr kann ich nicht beeinflussen, (ohne creepy und stalkery zu sein).
Sozialer Rückzug ist ein Zeichen einer Depression. Heißt es also im Umkehrschluss, dass meine Depression besser wird, weil ich meine Fühler ausstrecke?

Das zu lesen, ist wie in einen Spiegel zu schauen. Deprimierend. Alles Gute für dich.