
Sie sagen, die Zeit rast, wenn man Spaß hat. Wenn man beschäftigt ist auch.
War das wirklich nur eine Woche? Ich kann mich kaum noch an letzten Montag erinnern, so viel habe ich getan, gefühlt. Wenn du nicht depressionserfahren bist, mag es dir anders erscheinen. Aber für mich war es viel.
Ich habe meiner Hypersomnie den Kampf angesagt. Ein übermäßiges Schlafbedürfnis ist – seit ich Medikamente nehme – nicht nur eine Folge meiner Depressionen, sondern auch ein Antriebsgeber derselben, ein Teufelskreis. Ich bin depressiv, überarbeitet, erschöpft, schlafe mich mal richtig aus. Schlafe zehn Stunden, zwölf, vierzehn. Dann bin ich dehydriert und unterzuckert, mein Blutdruck ist im Keller und außerdem habe ich ein schlechtes Gewissen, dass der Tag schon wieder halb rum ist, wenn ich gerade erst aufstehe. Kann ich doch eigentlich gleich wieder ins Bett gehen und erst morgen damit anfangen, wieder zu leben.
Nicht mit mir, nicht diese Woche. Auf Grund der Hitze hatte ich einen sehr guten Grund, morgens mit meiner Frau aufzustehen (die zwischen fünf und sechs aufsteht) – einmal die ganze Wohnung durchlüften, bevor es wieder heiß wird, den Garten wässern, bevor die Sonne die feuchten Blätter verbrennt. Da ich am Montag nicht zur Schule musste, war ich sogar laufen und habe dann Ärzte abtelefoniert und überall schnell einen Termin bekommen – außer bei der Psychotherapeutin. Aber wer hätte schon gedacht, dass es freie Therapieplätze gibt?
Auch Dienstag bin ich gut aus dem Bett gekommen und voller Motivation zur Arbeit gefahren. Der Arbeitstag lief nicht ganz wie geplant, aber dennoch gut, hinterher noch zum Zahnarzt, um festzustellen, dass meine Versicherungskarte abgelaufen ist. Da war ja was! Schon vor Wochen hatte die Versicherung mir geschrieben, sie bräuchten ein neues Foto. Ich habe gedacht “mache ich morgen” und es wieder vergessen. Wie so oft.
Also habe ich am Mittwoch noch vor der Schule mit der Krankenversicherung telefoniert und alles geklärt. Donnerstag hatte ich den nächsten Arzttermin, dieses Mal HNO, weil ich wissen wollte, ob es einen Grund gibt, warum ich so häufig erkältet bin. Anscheinend habe ich dauerhaft entzündete Nebenhöhlen, potentiell eine Allergie. Vielleicht kommt meine Erschöpfung und mein Antriebsmangel gar nicht nur von der Depression, sondern daher, dass mein Gehirn dauerhaft zu wenig mit Sauerstoff versorgt ist, weil ich schlecht atmen kann? Warum hat das nicht früher jemand untersucht?
Und dann der Freitag – meine Frau hatte uns Karten für Sarah Connor auf der Waldbühne zum Hochzeitstag geschenkt. Als sie mich fragte, ob ich mit ihr dahin gehen würde, sagte ich, klar, warum nicht. Ich liebe Lifemusik. Sarah Connor ist – “ganz okay”. Ich kannte “Muttersprache”, liebe “Wie schön du bist” und ihre Stimme, das reichte mir. Zur Vorbereitung habe ich mir das andere Album auch angehört, ab Donnerstag Mittag Sarah Connor in Endlosschleife. Ich habe mich daran erinnert, wie leidenschaftlich ich damals “From Sarah with love” gehasst habe, als wütender Teenager, der nur deutschsprachige Musik hörte und dafür verspottet wurde. Ich habe mich daran erinnert, wie ich “Wie schön du bist” zum ersten Mal gehört habe, an einem heißen Sommertag in einem winzigen, heißen Wartezimmer eines Orthopäden und gefroren habe, weil ich die Stimme und den Text so großartig fand. Ich kannte meine heutige Frau noch nicht lange, wusste aber sofort, dieses Lied muss ich ihr vorspielen. Ich wusste nur leider weder, wie es heißt, noch, von wem es ist, wie das so oft ist, wenn man nebenbei Radio hört und erst vom Lied wachgerüttelt wird. Mit meinem Bild der Pop-Sängerin von damals, die so verhasst Mainstream war, hatte das nichts mehr gemein.
Nicht nur “Wie schön du bist” und “Vincent” hatten sich in mein Herz gesungen, als wir aufgebrochen sind. Ich habe ganz offensichtlich keinerlei Sinn für Liebeslieder, aber ich kann anerkennen, dass sie ungewöhnlich sind und Sarah Connor eine großartige Stimme hat. Und dann sind dazwischen diese politischen und philosophischen Songs, die mich sofort abholen, die ich für mich sprechen lassen kann.
Waldbühne. Wir waren leider recht spät losgefahren, die Parkplatzsuche war die Hölle, die Sitzplatzauswahl kurz vor Konzertbeginn dann arg begrenzt. Ich verstehe, warum Menschen mit Rollstuhl einen Extrabereich benötigen. Aber auch Menschen mit Angststörungen könnten den sehr gebrauchen. Ein bisschen mehr Platz, alle direkt an einem Ausgang. Schon allein das Wissen, von Menschen umgeben zu sein, die die gleichen Ängste verspüren, wäre sicher hilfreich. Das Warten auf den Konzertbeginn war – wie immer – die Hölle. Mein Gehirn scannt alle Menschen um uns herum nach möglichen Gefahren, überwacht die Ausgänge und meinen Puls, werde ich auch ja nicht ohnmächtig? Sobald die Musik beginnt, ist das alles vergessen.
Schräg vor uns saß eine Frau, die ebenfalls an Ängsten leidet, wie sie uns vor Beginn sagte. Wir zwei Klaustrophobiker*innen haben von der ersten Minute an getanzt. Wenn wir uns in eine – für uns – dermaßen bedrohliche Situation wagen, dann hat das einen Grund.
Zum Konzert selbst nur wenige Sätze. Sarah Connor ist ein Energiebündel und gleichzeitig total nahbar, ganz großartig. Kann ich nicht beschreiben, muss man erlebt haben, und das nicht nur bei YouTube. Und dann setzt sie sich hin und erzählt ein wenig, dass sie jetzt ein Lied singt, das eigentlich nicht geplant war, das sie nicht immer singen kann, das sie vielleicht nicht zu Ende bringen kann, dann müssen wir sie tragen.
“Stark”. Hört es euch an. Ich werde euch den Text nicht aufschreiben.
Es geht um Depression. Es geht um mich. Ich hatte mich doch eigentlich gerade wieder gefangen, aber da ist alles wieder aufgebrochen, ich habe Rotz und Wasser geheult, gezittert, die Hand meiner Frau zerquetscht. Ich war gerade wieder guter Dinge gewesen. Aber da sagt Sarah Connor mir, genau mir, dass ich nicht aufgeben soll, und ich denke, ich weiß ja, ich weiß, aber ich würde so gerne. Nur mal kurz.
Ich kannte das Lied nicht. Es ist auf der Special Deluxe Version von Herz-Kraft-Werke drauf, wer hätte schon gedacht, dass es sowas überhaupt gibt (eine Deluxe Version gibt es auch).
Zwei Lieder später habe ich schon wieder gegröhlt und getanzt. Dafür liebe ich Konzerte. Sie können jahrzehntealte Wunden wieder aufreißen und schneller und besser versorgen als manches tröstende Wort. Die Krankenkassen sollten Konzertkarten bezahlen.
Am Samstag um acht musste ich in der Schule sein, Einschulung. Ich war um halb zwei in der Nacht zu Hause gewesen, hatte vielleicht drei Stunden geschlafen. Ich war müde und innerlich wund, sowohl die Seele als auch der Hals. Aber es ging mir gut, so gut.
“Wo viel Licht, da auch viel Schatten”, singt Sarah Connor. Und solange ich dieses Licht hören und Musik sehen kann, nehme ich jeden Schatten in Kauf.
