Almost an Adult

Almost an Adult 25.37

Figur, die davon fliegenden Ballons hinterher läuft

“Sein ist wahrgenommen werden”, schrieb schon der irische Philosoph George Berkeley im 17./18. Jhd.. Für eine Künstler*in ist das also das Ausgestellt-werden.

Tatsächlich hatte ich immer Schwierigkeiten damit, mich als Künstler*in zu bezeichnen. Ich male halt, aber ist das Kunst? Meinen Künstler*innenaccount bei Patreon verstand ich selbst als Hochstapelei und die Tatsache, dass ich wenige Unterstützer*innen habe, war also nur folgerichtig.

Seit eine Kultureinrichtung mich ausstellen wollte, ist das anders. Nicht sehr, aber doch.

Aus dem Bauch heraus

Am Dienstag habe ich die Bilder aufgehängt, ich war schon mittags vor Ort und hatte viel Zeit für mich, den Raum und die Kunst. Zu Anfang hatte ich wirklich keine Ahnung, was ich tue, in welcher Reihenfolge ich die Bilder präsentieren soll, auf welcher Höhe, versetzt oder gerade? Aber ich habe mir Zeit gelassen und alles hat sich gefunden, nach und nach. Als alle Bilder hingen und nur die Vitrinen aus der letzten Ausstellung noch von Mitarbeitenden ausgeräumt werden mussten, bevor ich meine eine Skulptur aufstellen konnte (in der Klinik habe ich mit Holzschnitzen begonnen), habe ich mich einfach in die Mitte des Raumes auf den Boden gesetzt und die Bilder betrachtet.

Bin ich jetzt Künstler*in? Meine eigenen Bilder gerahmt an der Wand zu sehen, war unwirklich, aber sehr gut.

Am Mittwochabend war die Eröffnung der Ausstellung. Wie verbringt mensch den Vormittag und den Nachmittag vor solch einem Abend? Ich habe viel gemalt, was sollte ich auch sonst tun, wenn ich Angst habe. Und dann war der Abend auch viel schneller da, als mir lieb war. Als ich noch etwas zu tun hatte, Postkarten zum Mitnehmen auslegen, meine Notizen zurechtlegen, das Mikrophon testen, war ich professionell und erwachsen.

Dann passierte eine Zeit lang gar nichts. Ich hatte nichts mehr zu tun, es war aber auch noch keine Besucher*in da. Eine tote Zeit, die gleichzeitig ein Leben und nur eine Sekunde gedauert hat.

Schließlich war meine Unterstützer*innengruppe da. Und da merkte ich meine Angst. Mir war schlecht, ich dachte, ich falle jeden Moment um.

Mit zitternder Stimme

Bin ich natürlich nicht. Ich wurde anmoderiert, ich habe einen Text vorgetragen, meine Gäst*innen begrüßt, ein bisschen was über mich erzählt. Den kurzen Prosatext, der dieses Jahr in Mein lesbisches Auge 24/25 erschienen ist, vorgelesen. Und nach drei – vier Sätzen hörte ich es richtig, es machte Klick in meinem Kopf, ich war mein Bühnen-Ich, entspannt, berauscht, im Flow. Das liebe ich. Das davor ist zum Sterben, aber sobald ich diesen Punkt erreicht habe …

(Ähnlich fühle ich mich übrigens auch, wenn ich in einem anderen Rahmen vorlese. Es wird Zeit, dass meine Nichten die Geduld entwickeln, einer ganzen Geschichte zuzuhören. Oder dass ich Hörbücher einlese.)

Später habe ich von Zuhörenden gehört, dass sie beeindruckt waren, wie entspannt und offen ich über meine Erkrankung und meine Zeit in der Klinik gesprochen habe. Ich habe das gar nicht so empfunden. Für mich war es das Natürlichste der Welt. Es waren nur zwölf Besucher*innen da, die sieben in den ersten Reihen kannte ich persönlich, ihren Blicken zu begegnen war manchmal seltsam. Aber ich habe von einem Punkt der Überlegenheit aus gesprochen. Niemand weiß so gut über mich Bescheid wie ich. Und das zu wissen hat geholfen.

Eine Achterbahnfahrt

Von gefühlt tödlicher, beinahe ohnmächtiger Angst über Euphorie bis zu Leere habe ich in jener Woche beinahe jedes Gefühl empfunden. Nach der Lesung selbst, als ich zu Hause in meinem Bett lag, war ich vor allen Dingen müde. Meine Ohren rauschten noch vom Adrenalin, meine Seele wollte einfach nur schlafen, aber mein Kopf sprudelte über von Ideen, weshalb ich lange nicht zur Ruhe kam. Auch am Tag danach war ich noch ähnlich berauscht, habe mir Notizen gemacht, was ich mit diesem Programm alles noch machen könnte und möchte. Dabei hatte ich mir vorgenommen, am Tag danach nur auszuruhen.

Der Absturz kam dann am Freitag. Nach so viel Euphorie ist alles Dopamin, alles Noradrenalin verbrannt, danach kann ich nur noch traurig auf der Couch liegen. Es fühlte sich an wie die Depression, aber ich wusste, woher dieser Schub kam, und konnte ihn daher gut aushalten. Wenn ich beim Sport über meine Grenzen gehe, bekomme ich Muskelkater. Wenn mein Kopf über Grenzen geht, zieht die Depression die Reißleine. Das ist ja auch ein Schutz, damit ich es nicht zu lange mache. Das war es auf jeden Fall wert.

Zu gut für die Lagereinheit

Ich habe für die Ausstellung zwölf große Bilderrahmen angeschafft, die bis zum Aufhängen blöd in unserem Wohnzimmer herumstanden. Ich habe schon überlegt, dass ich eine Lagereinheit anmieten muss, wenn die Ausstellung wieder beendet ist. Ich habe keinen Platz mehr für meine Bilder.

Aber schöner wäre es natürlich, wenn sie anderswo hängen könnten! Eine Besucherin meinte, ich solle unbedingt auch mal in Kliniken lesen/erzählen, weil meine Texte und meine Geschichte in der Lage sind, Hoffnung zu geben, während mensch so mitten drin in dem Gefühlstunnel steckt. Und natürlich geht das nicht nur in meiner Heimatstadt.

Ich habe einen Projektplan entworfen, den ich ganz bald in einem eigenen Beitrag posten werde. Ich arbeite auch daran, Bilder und Texte hier auf meiner Homepage zu präsentieren. Die Kunst mag raw sein, ich habe das nicht gelernt und viel zu wenig Geduld zum Üben. Aber sie ist gefühlvoll und echt und scheint Menschen etwas geben zu können. Und genau das ist es doch, was ich mir wünsche.

Stay posted!

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