
Es gibt Zeiten, da ist mensch sprachlos, weil nichts Erzählenswertes passiert. Und manchmal passiert einfach viel zu viel auf einmal.
Die letzten Wochen traf irgendwie beides zu.
Wenn du einen Marathon laufen willst, fang mit einem Schritt an.
Beim Lauftraining steigere ich den Schwierigkeitsgrad ganz langsam. Angefangen habe ich mit einer Minute laufen auf fünf Minuten gehen auf etwa 4 km. Dann eine Minute laufen und vier Minuten gehen. Die Pausen immer wieder verkürzt, mit der Möglichkeit, auch wieder einen Schritt zurückzumachen, wenn ich durch Krankheit, Schlechtwetter oder Stress eine Zeit lang nicht zum Trainieren gekommen bin. Nach vier Jahren mit vielen Pausen habe ich jetzt die Laufphase auf 90 Sekunden verlängert (mit 90 Sekunden Gehen). Die Strecke ist immer noch die Gleiche – weit entfernt von einem Marathon. Aber irgendwann …
Beim Leben–Lernen habe ich diese Geduld nicht.
Alltagstauglichkeit der Kliniklehren
In der Klinik hatten wir auf dem Therapieplan fest eingeplante „Expositionen“ stehen, umgangssprachlich „Konfrontationstherapie“. Um zu entscheiden, welcher unserer Ängste wir uns auf welche Weise stellen wollen, sollten wir unsere Ängste ganz kleinteilig analysieren und jeder Angst einen Wert zwischen 0 (Problemlos) und 10 (Unvorstellbar) zuordnen.
Aus meinem diffusen „Ich habe irgendwie immer Angst beim Einkaufen“ wurde so „Ich habe Angst vor Situationen, aus denen ich nicht entfliehen kann“ – wie: Fahrstuhlfahren. Den Gedanken, die wertvolle Zeit in der Klinik zu nutzen, um Fahrstuhlfahren zu lernen, fand ich zunächst absurd. Ja, ich fahre nicht gern Fahrstuhl, aber das stört mich nicht, ich laufe gerne Treppen. Und wenn ich doch mal in ein Hochhaus muss, wo die Treppen mir zu viel abverlangen, halte ich das Fahrstuhlfahren schon aus. Die Angst vorm Fahrstuhlfahren ist doch gar nichts im Vergleich dazu, eine Person, die ich sympathisch finde, anzusprechen, generell vor Leuten zu reden, Fehler zu machen, wichtige Entscheidungen zu treffen …
Zwei Arten von Vermeidungsverhalten
Wichtig war jedoch, für unsere Übungen eine Angst auszusuchen, die einem Wert von höchstens 5 zugeordnet war. Ich gehörte nie zu den Menschen, die etwas nicht machen, weil sie Angst davor haben. Ich mache es – und bin innerlich nicht dabei. Ein Anästhesist hat bei der OP-Vorbereitung vor zwei Jahren mal total verwirrt darauf reagiert, dass ich Angststörungen in den Anamnesebogen eingetragen habe, denn ich wirke nicht ängstlich.
In der Situation selbst empfinde ich keine Angst. Davor habe ich das Gefühl, zu sterben. Hinterher bin ich total k.o. und erinnere mich kaum daran, was passiert ist. Ich dissoziiere.
Und wenn mensch dissoziiert, kann mensch nicht lernen. Also kleine Schritte.
Fahrstuhlbeobachtungen
Als ich angefangen habe, wirklich auf meine Gefühle zu achten, habe ich gemerkt, dass ich den Fahrstuhl noch nicht einmal angstfrei ansehen konnte. Die erste Woche habe ich ihn gar nicht betreten, die zweite Woche bin ich reingegangen und habe die Türen gleich wieder geöffnet, sobald sie von alleine zu gegangen waren. Aber nach drei Monaten konnte ich nahezu angstfrei Fahrstuhl fahren, obwohl ich mit einer einzelnen, mir nicht bekannten, männlich gelesenen Person alleine war (zu Anfang eine 8 auf der Skala).
Aber wie beim Laufen verliert auch der Mutmuskel an Kraft, wenn ich ihn eine Weile nicht trainiere. In den Monaten seit meiner Entlassung aus der Klinik habe ich wieder nur das getan, was ich unbedingt tun musste (meist höher als eine 5), und als ich im Juli zu Hause bleiben konnte, habe ich es genossen.
Im August hatte ich wieder Panikattacken im Supermarkt.
Die Angst summiert sich
Das Ganze ist nur die Vorgeschichte meiner Woche 36. Meine Therapeutin hat – völlig zu Recht – gesagt, dass ich mehr rausgehen muss, mich mehr meinen Ängsten stellen muss, damit sie nicht wieder größer werden. Jetzt war da diese kostenlose Weiterbildung in Leipzig, von der ich doch bestimmt profitieren würde. Außerdem wohnt eine gute Freundin von mir in Leipzig, die ich schon viel zu lange nicht mehr gesehen hatte. Das musste ich doch verbinden. Und da ich nicht Auto fahre, bin ich natürlich mit der Bahn gefahren. Mit der immer vollen Regionalbahn, weil Deutschlandticket.
- Mit der Straßenbahn zum Bahnhof fahren, schließlich soll ja mein Fahrrad nicht über Nacht am Bahnhof stehen 7 Angstpunkte
- In einem vollen Zug fahren 8 Angstpunkte
- Eine Person treffen, die ich lange nicht gesehen habe 5 Angstpunkte
- Nicht in meinem eigenen Bett schlafen 7 Angstpunkte
- Eine Präsenzfortbildung mit fremden Personen (die potenziell über mich urteilen könnten) 8 Angstpunkte
- Noch einmal Zug fahren 8 Angstpunkte
Ergo: Sehr viel mehr als 5 für nicht viel mehr als 24 Stunden.
Vom Glücksgefühl, gesprungen zu sein
Ich habe sehr viel dissoziiert. Auch wenn ich mir große Mühe gegeben habe, mir kleine Inseln der Ruhe zu suchen, und obwohl meine Freundin die vermutlich beste Person für so eine Situation ist. Aber gleichzeitig war ich auch immer wieder euphorisch, weil ich mich all diesen Ängsten gestellt habe und – wider Erwarten – nicht daran gestorben bin (klingt übertrieben, aber die Angst, vor Angst zu sterben, ist definitiv eine 10). Am Nachmittag nach der Fortbildung saß ich völlig fertig, aber auch total berauscht am Bahnhof und hatte drölfzig Projektideen gleichzeitig. (Leider war ich viel zu müde, sie alle aufzuschreiben. Aber wer weiß, ob sie wirklich gut waren.)
An den Rest der Woche habe ich nicht wirklich viele Erinnerungen, ich musste noch ein paar Sachen für meine Ausstellung machen, vor allem musste ich mich ausruhen. Aber klar ist, so kann ich das nicht auf Dauer machen. Beim letzten Check-up vor wenigen Wochen war mein Blutdruck zu hoch – dabei hatte ich eigentlich immer mit zu niedrigem Blutdruck zu tun. Also muss ich mir einen Expositionsplan schreiben, analog zu dem in der Klinik. Wenn dann endlich etwas Ruhe eingekehrt ist.
