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Tanzen mit Feder und Luft

Reisegepäck auf einer Bahnhofsbank

Ich möchte deine Zerbrechlichkeit einfangen, ganz sanft, ohne ein einzelnes Stück zu verlieren, möchte deine Scherben zusammensetzen. Möchte deine Sterblichkeit festhalten. Um meine zu verlieren.
Ich bin so traurig und weiß nicht, warum. Ich bin so leer und kann nicht mehr weinen.
Ich möchte dieses Puzzle, das du bist, zusammensetzen. Ob es das alte Bild ergibt, ist völlig gleich. Hauptsache, es ist ein Bild, es ergibt einen Sinn, in dem du dich finden kannst. An dem du dich festhalten kannst. Weil ich mich auflöse.
Wenn ein Teilchen von mir in dein Puzzle gerät, werde ich es nicht merken. Hebe einfach einen Finger, ganz leicht nur, und ich höre auf. Ich fange von vorne an. Ich habe alle Zeit der Welt.
Ich schreibe dir eine Welt, in der du dich wohl fühlst, weil ich nirgendwo zu Hause bin. Solange du dich sicher fühlst, ist alles gut. Vergiss mich.

Wenn ich ein Meer wäre, würde ich dich kühlen. Wenn ich Musik wäre, wäre ich ein Saxophon und ein Cello.
Aber ich bin nichts dergleichen. Ich bin nichts.
Ich bin eine Wolke auf der Suche, decke dich zu, während du schläfst. Suche nach deinen Teilen, hier und da verloren, und trage sie sanft nach Hause. Ich lege sie neben deinen schlafenden Kopf auf’s Kissen, küsse noch kurz deine Stirn und dann muss ich weiter. Ich will nichts.
Ich gebe dir alles, was ich nicht habe, ich halte nichts zurück. Ich kann nicht lügen. Ich bin nichts.
Ein Wind nur, der durch deine Haare fährt, deine Locken kräuselt und du schimpfst, weil du deine Locken nicht magst. Streiche über deine Wanden, die heiß sind vom Leben, und wärme mich auf.
Ich kann nichts.
Und will doch alles können.

Und wir tanzen, du in Rot, ich in Schwarz. Du greifst durch mich hindurch und merkst es nicht. Deine Stimme klingt nach Kaffee in meinem Magen, bittersüß, und deine Finger in meinem Bauch brennen.
Aber du wolltest ja unbedingt Tango lernen. Das ist nicht meine Schuld.
Die Rose in meinem Knopfloch bohrt ihre Dornen in mein Herz, doch statt Blut kommt nur Tinte. Ich lebe schon lange nicht mehr.
Du küsst den Fleck weg und trinkst gierig meinen Atem, als könnte er dir Leben einhauchen.
Du bist so tot wie ich. Du weißt es nur nicht.
Mein Zylinder liegt vergessen in der Ecke, während ich dich durch den Raum schiebe. Ich trete durch deine Füße, aber das Eisen im Boden ist kalt. Wie deine Augen, die mein Innerstes suchen, um es auf ewig an dich zu binden.
Aber in meinem Inneren ist nichts. Warum kannst du nicht sehen, dass ich nur für dich noch hier bin? Genügt das denn nicht?
Ich bin so müde.
Deine Kaffeestimme

lößt meine Magenschleimhaut auf, blubbernde Blasen steigen die Speißeröhre hinauf, mit Resten von den Drogen, die ich nie nahm, weil ich schon immer zu feige war zu leben. In meinem Kopf brennt orangegrün und ich sehe nur noch Lichter.
Wo bin ich? Wer bin ich? Und wozu zum Teufel bin ich überhaupt?
Ich löse mich auf in Seifenblasen, die auf den Wellen der wummernden Bässe durch den Raum schweben, ohne hier und da Menschen zu berühren. Ich kann niemanden mehr berühren. Und ich bin es so leid zu warten.
Ich möchte endlich Kehlen zerreissen, mich irgendwo festbeißen, einen Eindruck hinterlassen. Aber dafür müsste ich wohl etwas tun.
Hier zwischen den flackernden Lichtern und schwitzenden Leibern kann ich endlich existieren.

Ohne zu sein, eine Zigarette rauchen und den wirbelnden Haaren zusehen, es tut nicht weh. In diesem Moment tut es nicht weh.
Eine fremde Hand trifft meinen Rücken und ein Teil von ihr bleibt kleben, als der Körper schon lange weiter gewandert ist. Eine Berührung.
Ich bin ein Handabdruck auf dem Rücken. Den Rest des Körpers muss ich noch berühren lassen, damit er wieder entsteht, wieder aufersteht aus dem Nebel, in den ich all meine Schmerzen gefüllt habe.
Nun gut, den Nacken würde ich auslassen und ein paar andere Teile auch, um dem Schmerz vorzubeugen.
So ganz vollständig muss ein Körper ja nicht sein.
Und ich sehe mich selbst von außen, ein rauchiger Geist, mit einer orangegrünen Hand auf dem Rücken, die dem Schmerz wieder die Tür geöffnet hat.
Ich will das nicht mehr.
Einfach nicht mehr sein, nicht mehr entscheiden, nur tanzen.

Wieder aufgetaucht aus einer Musik. Musik ist halt immer noch mein Zuhause, das einzig wahre, der einzige Raum, wo ich sicher bin, wo es nicht weh tut.
Wo ich mein Gefängnis eine Weile verlassen kann, meinen Körper, mein Leben.
Und einfach tanzen. Einfach tanzen. Ausnahmsweise ist mal egal, wer bei mir ist, ob jemand bei mir ist, ob jemand mich sieht.
Niemand muss mich wahrnehmen, wenn ich mich endlich einmal selbst wahrnehmen kann.
Alles vergessen. Und einfach tanzen. Der Körper tut nicht weh, wenn er in der Musik schwimmt, und ist dennoch da. Weder heißglühend, noch dumpfneblig. Warm und lebendig.
Am Leben. Und das ich! Seltene, seltsame Erfahrung, sehr genossen. Einfach tanzen.
Wer braucht schon Worte, wenn er Musik hat.

Treibend. Auf Salzwasserwolken. Müde und schwer. Ganz leer. Langsam.
Blau.
Was auch immer blau ist, es ist. Und ist gut, vielleicht. Ist auch egal. Ganz egal. Realität kümmert sich nicht um Moral. Und damit muss man halt klarkommen.
Realität kümmert sich nicht um Erinnerungen, nicht um Zugehörigkeit oder Familie. Auch von seinen nächsten kann man verraten werden.
Wie von sich selbst.
Realität kümmert sich gar nicht. Und da Menschen real sind – Kümmer dich um dich selbst, wenn du willst, dass es jemand tut.
Aber wie macht man das? Ich löse mich lieber auf, schwebe davon.
Auf salzigen Klavierklängen. Tiefblau. Müde. Und schwer.

Es gab eine Zeit –
Ach, das ist doch Quatsch. Menschen ohne Gedächtnis können nicht sagen, dass früher alles besser war.
Und trotzdem muss es diese Zeit gegeben haben. Wie kann es sonst sein, dass ich immer noch einen letzten Rest Verstand habe?
Mama, wo warst du? Ich kam nach Hause und du warst nicht da, ich habe dich gesucht.
Ich habe nach dir getastet, aber da war nichts, nur kalte Leere und jetzt ist diese Leere in mir.
Ich liebe dich, Mama. Trotzdem. Aber ich hätte dich gebraucht, dass ich mich selbst lieben kann.
Komm, lass uns tanzen, Mama. Ein Mal nur, zeig mir ein Mal nur, wer du bist, lass dich mal gehen.
Ich möchte dich begreifen, Mama. Ich muss dich greifen, um zu verstehen, dass es dich wirklich gibt.

Dieser Text ist ebenfalls im Schreibhain entstanden, wenn auch schon vor einigen Monaten. Aufgabe war, zu einer Playlist zu schreiben, jedes Lied ein neuer Text. Aber wie ihr merkt, zieht sich doch ein gewisser Faden durch alle Fragmente …

Und zu welcher Musik schreibt ihr? Folgt mir, hinterlasst einen Kommentar und vor allem
lest! schreibt! lebt!

 

Nächste Woche: Ein Wiedersehen mit einem Kindheitsfreund (ich habe gerade „Christopher Robin“ gesehen 😉 )

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