Workshops Kreatives Schreiben

Überernährung

Als ich das Museum verließ, fühlte ich mich überfüllt, wie ausgestopft, das würde sich mal wieder auf meinen Hüften bemerkbar machen. Dabei war ich schon zum fünften Mal in der Ausstellung von Dalí gewesen und bekanntlich sättigten Bilder bei der zweiten Betrachtung kaum noch. Doch gerade für Dalís Kollagen schien dies nicht zu gelten, selbst bei der fünften Betrachtung fand man noch eine Kleinigkeit hier und dort, die man noch nicht gekostet hatte, wie in einer Pralinenschachtel wurde man immer von neuem überrascht und die Kalorien waren vergleichbar.

Pralinen konnte ich mir schon lange nicht mehr erlauben, weil ich mich einfach nicht zusammenreißen konnte, wenn ich in ein Museum ging. Immer wankte ich prall und blind wieder hinaus und musste mich erst einmal draußen auf eine Wiese legen und in den blauen Himmel schauen, um in Ruhe verdauen zu können.

Aber heute zogen dicke, weiße Wolken über den wässrigen Himmel, aus denen meine unersättliche Phantasie Drachen und Kaninchen formen würde – unmöglich, jetzt auch noch einen Nachtisch zu mir zu nehmen. Ich brauchte dringend eine Abmagerungskur. Konzentriert auf den Asphalt starrend suchte ich nach einer schlichten Bank mit Blick auf graue Plattenbauten – doch seit bekannt geworden war, dass das Schaffen von Kunst besser gegen Hüftspeck wirkte als Sport oder zeitweilige Blind- und Taubheit, je nachdem, ob man visuelle oder akustische Nahrung bevorzugte … damit hatten sich frühere Generationen genug gequält. Seit jeder Hinz und Kunz sang, malte oder schrieb, um abzunehmen, waren solche kalorienreduzierten Ecken rar geworden.

Die Mode ging zwar gerade in Richtung Performancekunst, die beim Künstler exakt so viel Kalorien verbrannte, wie die hungrigen Zuschauer aufnahmen, die aber dann immerhin in der Vergessenheit verschwand und keinen weiteren Schaden anrichten konnte, doch es gab nach wie vor so viele Ölgemälde, für die Ewigkeit gebundene Bücher und haltbare Tonträger, dass die Überernährung schon lange den Hunger abgelöst hatte. Als die Technik noch nicht erlaubte, einzelne Musikvorführungen für die Nachwelt festzuhalten, als die meisten Menschen noch Analphabeten waren und auf die regelmäßigen Erzählstunden angewiesen, als Farben noch teuer waren und tatsächlich zur Ernährung noch Tiere getötet wurden, waren die Ärmsten und Ungebildetsten an Hunger gestorben – jetzt starben sie an Fettaugen und verkalkten Ohren.

Menschen hatten einfach keine Selbstdisziplin und ich war keinen Deut besser. Obwohl ich mir reichhaltige Museumsbesuche nur selten erlaubte und strenge Musikdiät von einer Stunde am Tag hielt, nahm ich doch mit Blogartikeln und Straßenkunst so viele versteckte Kalorien zu mir, dass mein Bauch schon wieder über den Hosenbund schwabbelte. Ich musste unbedingt mal wieder einen Marathon schreiben – aber dafür war ich zu satt.

Und als Autor fetter Romanschinken voller Wortspielrosinen, voller unerwarteter Wendungen, die das Sättigungsgefühl überlisteten, und reichhaltiger Figurenkonstellationen war ich ein Teil des Problems. Ich könnte natürlich meine Romane nach dem Schreiben verbrennen, um die steigende Weltbevölkerung zu ernähren waren sie schon lange nicht mehr nötig, wir lebten ja schon im Überfluss. Aber dafür war auch ich zu narzisstisch, meine brillanten Werke zu verstecken, nicht vom Publikum würdigen zu lassen – Gott nein! Waren die Leser doch selber schuld, wenn sie sich nicht am Riemen reißen konnten. Auch ich nahm teil am unausgesprochenen Wettkampf aller Künstler, mit möglichst geringem Aufwand möglichst viele Kalorien zu produzieren.

Müde legte ich meinen Kopf gegen den Stamm einer Platane und vertiefte mich in das Muster ihrer Rinde. Bäumin müsste man sein, ihr war es egal, ob sie jemand betrachtete oder nicht. Und auch die Schönheit der Natur konnte den geübten Betrachter ernähren, ohne dass danach wieder eine Diät anstand.

Ich merkte schon, wie sich das Völlegefühl in meinem Hirn löste, als ich nur so dastand und den erdigen Geruch der Rinde einatmete. Wir sollten alle viel mehr auf’s Land fahren. Aber im Zug würde ich doch wieder eine Zeitschrift lesen und bei meinem Gewicht konnte ich mir das echt nicht erlauben.

Aufgabe: Stelle dir eine Welt vor, die in einem Punkt anders ist als unsere. Wie würde sie aussehen?
Hier: Eine Welt, in der Kunst das Hauptnahrungsmittel ist

Wie würde diese Welt für euch aussehen? Hinterlasst mir einen Kommentar oder schreibt mir eine Nachricht. Und
lest! schreibt! lebt!

 

Nächste Woche: Wenn der Nachtisch zum Nachttisch wird. Lasst euch von euren Tippfehlern inspirieren.

 

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