Schreibmenschen · Throwback Thursday · Workshops Kreatives Schreiben

Jubiläum

Aufgabe: Text zu einem festen Thema, hier: Jahrestag

Konnte es wirklich schon so lange her sein? Die letzten zehn Jahre waren wie im Flug vergangen, im wörtlichsten Sinne, und er war zu meinem ständigen Begleiter geworden und besten Freund, mein IGRG (Intergalaktischer Raumgleiter, Anmerkung der Übersetzer). Ich hatte ihm sogar einen Namen gegeben, Egon, obwohl meine Arbeitskollegen hier in der IGWS (Intergalaktische Wachstation, Anmerkung die Übersetzerin) mich dafür nur belächelt hatten. Zusammen haben wir Abenteuer erlebt und Gefahren überstanden, Gutes getan und Verrücktes gesehen, ohne ihn wäre ich schon lange tot.

Und jetzt sollte es Zeit sein, zu landen und mich von Egon zu trennen? Ich dachte nicht daran!

Zehn Jahre ist die Maximallebensdauer eines IGRG, sagte der VNRZ (Vorstand der nördlichen Raumzeit, Anmerkung der Übersetzer) aber hatten sie es denn getestet? Egon lief wie am Schnürchen, nichts war kaputt, das ich nicht an einem langen Wochenende hätte reparieren können, nur ein kleines violettes Lämpchen blinkte im Cockpit und erinnerte mich daran, dass heute unser Zehnjähriges war. Dass der VNRZ auch immer alles doppelt und dreifach prüfen musste! Ich war mit Egon durch Duzende Zeitzonen und einige Wurmlöcher gefahren und dennoch wussten DIE genau, dass wir jetzt zehn Jahre zusammen waren.

Eigentlich sollte ich ihm Blumen schenken und ihn in ein FlyInn einladen. Oder er mich, wenn man dem alten Gentlemancode folgte, der natürlich in einer Welt ohne biologische Geschlechter keine große Rolle mehr spielte.

Immerhin hielt Egon mir immer die Türen auf, wenn ich dann doch mal aussteigen musste.

Traurig blinkte das violette Lämpchen. Auch Egon wusste, dass unsere gemeinsame Zeit vorbei war. Aber ich würde das nicht einfach so hinnehmen! Beruhigend strich ich über die glänzenden Armaturen, die ich noch gestern frisch gewachst hatte. Das violette Blinken wurde langsamer.

Dafür leuchtete warnende eine rote Lampe direkt vor mir auf. Der Treibstoff wurde knapp. Ich musste also dringend eine IGWS anfliegen, ob ich wollte oder nicht. Einen Schwarzmarkthändler aufzutreiben hatte ich nicht die Zeit, der Sprit reichte gerade noch für den Heimweg und die automatische Zielerkennung hatte sich bereits eingeschaltet.

Dass ich nicht früher daran gedacht hatte, die Tanks aufzufüllen! Ich hätte in die östliche Raumzeit fliehen können, obwohl die dort herrschende Demokratie mir durchaus suspekt war. Wo kamen wir denn da hin, wenn jeder, egal wie dumm oder ignorant er ist, sich an politischen Entscheidungen beteiligen konnte! Für Egon hätte ich mich in die Herrschaft der Narren begeben. Aber es war zu spät. Ich wurde von unserem Jubiläum einfach völlig übersehen.

So viel zu dem Wunsch, ein Gentleman zu sein.

Geknickt sah ich zu, wie Egon, mein geliebter IGRG, an die Station andockte und hereingezogen wurde. In der großen Halle, die ich die letzten zehn Jahre nur selten betreten hatte, weil Egon und ich immer auf Mission waren, hingen Blumenketten. Hatte ich noch etwas vergessen? War vielleicht Weihnachten? Mit einem Zischen öffnete Egon die Ausstiegsluke, das letzte Mal für mich.

„Auf die nächsten zehn Jahre!“, prostete mir Luke, mein Vorarbeiter, zu. Verständnislos sah ich ihn an. „Ja, hast du denn das Memo zu Paragraf 150 Gamma NRZO (Nördliche Raumzeit Ordnung, Anmerkung die Übersetzerin) nicht bekommen? Gleiter werden nicht mehr nach zehn Jahren automatisch verschrottet, sondern nur auf Herz und Nieren, also auf Motor und Elektrik geprüft und generalüberholt. Egon und du habt jetzt erstmal vier Wochen Urlaub und dann startet ihr wieder durch.“

Ich konnte mein Glück kaum fassen. Aber – Urlaub? Den hatte ich in zehn Jahren weder gehabt noch gebraucht. Was sollte ich denn die ganze Zeit ohne Egon anfangen?

(06-2016)

 

Und passend zum Donnerstag noch ein paar andere alte Texte, die unbedingt mehr gelesen werden sollten:

Urlaub – Zweiter Versuch

Stimmungs würfel experimente

10 Gründe, warum ich schreibe

Also: lest! schreibt! lebt!

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