Schreibmenschen · Tagespolitisches

Was ist wahre Kunst? – 5 Kennzeichen

„Es ist nicht einfach, Mutter zu sein. Wenn es das wäre, würden Väter es machen.“
Mamma Mia! – Here we go again

Das Beispiel, das ich für diese Analyse nutzen möchte, mag den einen oder die andere verwundern, als zu bunt, zu kommerzorientiert, zu Mainstream erscheinen. Aber abgesehen davon, dass auch diese Kennzeichen sehr subjektiv sind und der Streit darüber, was wirklich Kunst ist, niemals endgültig zum Erliegen kommen wird, hängt sehr viel einfach von der individuellen Betrachtung ab. Dem Satz, den ich gleich schreiben werde, hätte ich sicher vor zwei Jahren noch nicht zugestimmt, obwohl ich den Film auch damals schon kannte, aber:

„Mamma Mia!“ ist Kunst! Und nicht nur, weil Meryl Streep mitspielt.

Warum komme ich jetzt also auf die Idee, die beiden (auch den neuen, Vorsicht Spoilergefahr!) Mamma Mia!-Filme Kunst zu nennen? Am vergangenen Samstag habe ich mit meiner Liebsten und ihrer Familie den zweiten Teil im Kino gesehen und zur Einstimmung vorher den ersten nochmal zu Hause. Und erst beim – ich weiß nicht – zweiten, dritten, vierten Mal sehen ist mir aufgefallen, dass dieser Film ein Pride-Film der reifen Frau ist. Die drei Frauen, die mit Meryl Streep in der Mitte die Hauptfiguren bilden, sind nicht mehr jung, aber doch immer noch agil und sexy und – stolz. Also kommt hier mein erstes Kennzeichen wahrer Kunst:

1. Man findet bei jedem Betrachten immer wieder etwas Neues.

Warum ich am vergangenen Samstag gerade mit dem Stolz der über fünfzigjährigen Tanya (gespielt von Christine Baranski) so mitfühlen konnte, dass er mich zu Tränen rührte, ist eine Frage für Psychoanalytiker, vielleicht fühlte ich mich gerade sehr alt, vielleicht macht die Hitze mich melancholisch. Doch vorher ist er mir niemals in seiner vollen Bedeutung aufgefallen: Na klar, Frauen jenseits der dreißig, ihr braucht euch nicht verstecken, ihr wisst, wer ihr seid und was ihr wollt und das ist sexy!

Das führt direkt über zu meinem zweiten Merkmal:

2. Wahre Kunst beschäftigt sich (kritisch) mit gesellschaftlichen Normen.

Die Kritik ist in diesen Filmen so subtil und subversiv, dass sie dem Betrachter nicht sofort auffallen mag, doch gerade diese Form der Kritik halte ich für besonders stark. Er zeigt uns Bilder als normal, die unsere Gesellschaft gar nicht als normal betrachtet: Die mehrfach geschiedene Tanya, die offen und ohne schlechtes Gewissen mit einem kaum erwachsenen Knaben flirtet, Donna, die in so kurzer Zeit mit drei Männern zusammen war, dass sie nicht weiß, welcher der drei der Vater ihrer Tochter ist, und trotzdem niemals (weder im ersten Teil noch im Rückblick des zweiten) als Schlampe dargestellt wird. Die drei Männer, die sich anfreunden und gemeinsam ihre Vaterrolle annehmen.

Vielleicht glauben wir all diese Storydetails nur, weil sie uns in Form eines Gute-Laune-Films dargeboten werden. Doch auf keinen Fall würden wir sie glauben, wenn jemand zu uns sagt: So kann man auch leben und du musst das akzeptieren. (Außer natürlich, wir glauben ohnehin schon daran.)

Und dann ist auch noch einer der Väter schwul und das ist in der ganzen Geschichte so untergeordnet, dass es ohne viel Beachtung gleich geschluckt wird – so, wie es meiner Meinung nach sein sollte. Es gibt schon viel zu viele Filme, die das Schwul- (oder Lesbisch-)sein in den Mittelpunkt stellen, als hätten wir nicht genau die gleichen Probleme wie alle anderen.

3. Wahre Kunst ist sanft. Sie verbindet, sie trennt nicht.

Sie kommt nicht mit der Brechstange. Sie zeigt uns Wege auf, wie man leben kann, sie sagt uns nicht, dass man so leben soll. Manche Frauen sind Schlampen – und sie haben ein Recht darauf. Aber Donna ist es nicht. Und wie es trotzdem dazu kommt, dass sie mit drei Männern anbandelt und schwanger wird, erfahren wir im zweiten Teil, mit viel Humor erzählt, aber doch auch melancholisch, sehr langsam und zart. Der zweite Film ist melancholischer und langsamer als der erste und geht damit noch tiefer.

Im ersten Teil wurden vor allem die Frauenfiguren beleuchtet, sie sind mal nicht nur Gegenspieler der männlichen Hauptrollen. Doch im zweiten Teil ist eine noch großartigere Leistung gelungen: Männer- und Frauenfiguren werden einfühlsam und tief vorgestellt und stehen gleichwertig nebeneinander. Hier zeigt sich vielleicht die neue Epoche des Feminismus: Es geht nicht mehr nur darum, zu zeigen, dass Frauen auch da sind, sondern um wirkliche Gleichberechtigung und -Beachtung.

4. Sie behandelt tiefe, menschliche Gefühle.

Der erste Teil arbeitet mehr auf der humoristischen, kraftvollen Ebene der Charaktere und der Musik und zeigt uns vom Leben gezeichnete, aber immer noch sehr lebendige Frauen. Der zweite Teil geht jedoch nicht nur filmerisch tiefer.

Ohne zu viel zu spoilern, kann ich sicher verraten, es geht um die Liebe zwischen Mutter und Tochter, um Trauer und Verlust, um wahre Freundschaft, Älterwerden (beider Geschlechter), um Liebe und Sexualität jenseits der dreißig. Besonders die Behandlung der durch den ganzen Film spürbaren Trauer hat mich tief beeindruckt. Donna ist gestorben (ein guter Kniff der Drehbuchautoren, da Meryl Streep nicht wieder eine Hauptrolle spielen wollte, sie hat noch nie Fortsetzungen gemacht; aber auch ein wirklicher Gewinn für das Drehbuch). Zwar fehlt sie der Tochter Sophie und allen anderen und ist durch dieses Fehlen immer präsent (nur Meryl Streep schafft es, eine Hauptrolle zu spielen, ohne aufzutreten, aber das nur am Rande), trotzdem wirkt der Film nicht schwermütig oder dramatisch. Das ganze Dorf feiert mit der Neueröffnung von Donnas Hotel ihr Leben und betrauert nicht ihren Tod.

Der Film feiert die Mutter-Tochter-Liebe über den Tod hinaus, über die Generationen. In der Schlussszene, die ich euch nun wirklich nicht verraten werde, zerreißt sie einem fast das Herz, aber auf eine gute Weise. Und wer etwas zu tief gefallen ist, dem werden spätestens bei „Super Trouper“ im Abspann wieder die Füße davontanzen.

Denn spätestens den letzten Punkt hätten die Filme ohne die unsterbliche und unglaublich gut eingesetzte Musik nie erreicht:

5. Wahre Kunst befreit.

Ob es die Tanzszenen sind, bei denen plötzlich alle Dorfbewohner ihre schwere Arbeit fortwerfen, die Bauersfrauen ihr Kopftuch abreißen und im Tanz schwenken, ob es die langsamen, emotional-verträumten Balladen sind, die unvergessliche „The Winner takes it all“-Szene aus dem ersten Teil – es ist die Musik, die die Emotionen unterstützt und dann wieder auflockert. Der Film zeigt, wie Tanz uns aus dem Alltag befreien kann, und das nicht nur auf der Leinwand. Wer von den Filmbildern gerade nicht total gebannt ist, schaue sich mal im Kinosaal um, wie viele Füße und Köpfe im Takt nicken, wessen Schritt beim Gang aus dem Kino viel unbeschwerter ist, welche Augen leuchten. Zumindest in meiner drei-Generationen-Gruppe war es sehr offensichtlich.

Irgendwer aus dem Team – vielleicht war es sogar Meryl, ich hab es vergessen – sagte, die Zeiten sind schwer, die Leute brauchen einen Film, der sie davon ablenkt. Aber der Film hat so viel mehr getan. Ablenken tut billigster Kitsch auch, aber dieser Film wirkt darüber hinaus, er zeigt uns, dass wir auch in harten Zeiten tanzen können, dass es vielleicht nie wieder gut wird, aber wir nicht alleine damit sind.

Wir dürfen auch mit fünfzig noch die Blicke eines Zwanzigjährigen auffangen und genießen, wir dürfen mit zwanzig ausbrechen und schwanger werden, wir dürfen schwul sein oder die Welt umsegeln oder uns unser eigenes kleines Nest auf einer griechischen Insel bauen, wir dürfen tanzen! Alle dummen Entscheidungen haben Konsequenzen, aber wir sind nicht allein damit und wir werden nicht daran zerbrechen. Und wenn eine unterirdische Quelle deine gerade geflickte Terrasse aufreißt, dann genieß den kühlen Regen!

 

In diesem Sinne: geht ins Kino und
lest! schreibt! lebt!

 

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