Schreibmenschen · Tagespolitisches

Und ich weiß, dass du die Angst vergisst, wenn du schreibst

Leben macht Angst. Ganz allgemein sowieso und immer wieder auch in konkreten Situationen. Die Frage ist nicht: Haben wir Angst?, nicht einmal: wovor haben wir Angst? Die konkreten Inhalte mögen sich unterscheiden, aber die Grundängste sind bei allen Menschen die gleichen, Schmerz, Verlust, Demütigung. Die eigentliche Frage ist: Wie gehen wir mit unserer Angst um? Manche Menschen lassen sich von ihr lähmen, viele reagieren mit Wut und schlagen um sich, die meisten versuchen, sie irgendwie zu verdrängen, durch mediale Ablenkung, Konsum, Drogen – es gibt so viele Möglichkeiten.

Wer traut sich noch, seine Angst wirklich zu fühlen? Sie zu artikulieren, ihr Raum zu geben?

Der Titel dieses Textes ist angelehnt an eine Liedzeile von Sarah Lesch: „Ich weiß, dass man die Angst vergisst, wenn man singt“, doch eigentlich geht es gar nicht darum, die Angst zu vergessen, wie du es tust, wenn du dich in andere Welten in Filmen und Büchern versenkst. Ich sehe die Angst, wenn ich schreibe, ich zeige sie – mir und anderen -, aber ich fühle sie nicht.

Ich habe immer noch Angst vor dem Krieg in den Köpfen, Angst vor der Wut und der Leere und meine Texte werden keine verletzten Seelen heilen, die kurz davor sind, um sich zu schlagen. Aber meine Angst macht mich nicht zu einer von ihnen.

Angst bricht Seelen klein, wenn du ihr nicht ins Gesicht siehst, wenn du durchhalten musst oder von niemandem gehört wirst. Und wenn die Angst zu groß wird, wird sie zu Wut.

Ich weiß, dass du die Wut vergisst, wenn du schreibst. Du betrachtest deine Wut von außen oder trittst ganz aus ihr heraus, schlüpfst in die Wut des Gegners und verstehst sie. Du schlüpfst in das Leben eines anderen und verstehst seine Angst.

Es ist schwer, eine Gruppe zu hassen, wenn du sie wirklich kennengelernt hast. Und es ist unmöglich, über jemanden zu schreiben (wirklich zu schreiben und nicht nur Worte zu notieren), ohne ihn zu kennen.

Und ich weiß, dass sich Angst auflösen kann, wenn du schreibst. Schreib dich in die Perspektive eines Riesen, erforsche seine Angst und seine Sehnsucht. Und schreib dich in die Perspektive des Zwerges – kann er Angst vor deinem Riesen haben, wenn er seine dunkelsten Träume kennt?

Ich weiß natürlich auch, dass nicht alles gut wird, wenn mehr Menschen schreiben. Aber ich denke, dass mehr gut wäre, wenn alle sich hin und wieder das Schreiben – und Denken – erlaubten.

Also: Lest! Schreibt! Lebt!

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