Schreibmenschen

Aus dem Werkzeugkoffer der Philosophen – das Gedankenexperiment

Können Texte mehr sein, als aneinander gereihte Worte? Können wir aus Geschichten etwas über die Welt lernen? Oder sind sie nur Unterhaltung, die von der Welt ablenkt? Wenn ihr euch diese Fragen schon gestellt habt, dann seid ihr hier ganz richtig.

Natürlich muss ich antworten, dass Texte mehr sein können. Das ist meine Motivation für diesen Blog und mein ganzes Schreiben. Aber wie?

Das Gedankenexperiment

So wie Chemiker Flüssigkeiten zusammengießen und schauen, was passiert, experimentieren Philosophen mit Gedanken. Sie entwickeln z.B. Welten, die sich nur in einem Punkt von unserer Welt unterscheiden, und stellen sich darüber Fragen:

In einer Welt, in der Wasser nicht aus H2O besteht, sondern aus XYZ, was bedeutet dann das Wort „Wasser“?

Oder sie entwickeln moralische Situationen und untersuchen, wie unsere Intuition uns in ihnen leiten würde:

Wenn du durch das Verstellen einer Weiche fünf Menschen retten könntest, dafür aber eine Person töten würdest, würdest du es tun?

Solche Gedankenspiele finden sich in philosophischer Literatur zu jedem Thema, ich habe sogar gerade eines mit meinen Viertklässlern durchgeführt.

Stell dir vor, ein neuer Schüler kommt in die Klasse. Dann stell dir vor, du bist der Neue. Wie fühlst du dich?

Ob Gedankenexperimente wissenschaftliche Beweiskraft haben oder nur illustratives Beiwerk sind, ist in der Philosophie umstritten. Doch egal, wie die Philosophen sich entscheiden, die Schriftsteller können einiges daraus lernen.

Die Experimentseite

Was heißt es überhaupt, dass wir mit Gedanken experimentieren? Das Experiment ist ein Versuch, um etwas Neues herauszufinden. Er lässt auch Versagen zu. Zu Beginn des Experiments wissen wir nicht, was dabei herauskommen wird. Vielleicht passiert bei unserem Experiment gar nichts, vielleicht passiert etwas Schlimmes. Vielleicht auch etwas Gutes.

Ganz egal, was passiert: Auf jeden Fall haben wir etwas gelernt.

Experimente mit Stoffen, wie in der Chemie oder Physik, bergen immer die Gefahr einer Katastrophe. Marie Curie hat (vermutlich) auf Grund ihrer Arbeit mit radioaktiven Elementen das Leben verloren, vor der Inbetriebnahme des neuen Protonenbeschleunigers im CERN fürchteten viele die Entstehung eines schwarzen Lochs.

Anders als Chemiker brauchen wir keine Angst haben, uns bei unseren Experimenten zu verletzen. Wir experimentieren in Gedanken. Und wenn uns ein Text um die Ohren fliegt, haben wir nur ein paar Stunden und etwas Tinte verschwendet und eine Erfahrung gewonnen.

Aber wie experimentiert ihr mit Gedanken?

Die Gedankenseite

Grundlage eines jeden Experiments ist ein Was-wäre-wenn?

Was wäre, wenn ich dieses Auto mit hundertfünfzig Stundenkilometern auf eine Wand prallen ließe? Was wäre, wenn ich Natrium in eine Schale Wasser fallen ließe? Was wäre, wenn ich das Sojasteak mal mit Zimt statt mit Pfeffer würzte?

Das Was-wäre-wenn auszuprobieren ist immer gefährlich, selbst in Gedanken. Denn es könnte uns zeigen, dass es zum Weltuntergang führen würde. Aber anders als die Physiker müssen wir unseren Versuch nicht im Kleinen in die Welt bringen und damit möglich machen. Der Weg von der ersten Kernspaltung bis zur Atombombe war bekanntlich nicht weit.

Aber nicht alles, was denkbar ist, ist auch gleich möglich. Und wenn unser Text den Weltuntergang prophezeit, sollten wir alles dafür tun, dass unsere Gedanken niemals möglich werden.

Anders als Chemiker sind wir außerdem in unseren Möglichkeiten nicht eingeschränkt. Alles, was denkbar ist, können wir untersuchen. Wir können uns in andere Welten denken, wir können unsere Gegenwart in eine mögliche Zukunft dehnen, wir können sogar sterben – mit dem Stift ist können wir überall hin. Selbst die Fragen der Ethik schränken uns nicht ein. Menschenexperimente verbieten sich nur, wenn ihr sie macht, nicht, wenn ihr sie nur denkt.

Daraus entwickeln sich Science-Fiction und Fantasy, Utopien und Dystopien, die nach den gleichen Regeln gestrickt sein müssen, wie die Gedankenexperimente in der Philosophie.

Das Regelwerk

Um als Gedankenexperiment funktionieren zu können, brauchen unsere Geschichten Ankerpunkte im Jetzt. Auch wenn es andere Welten sind, müssen es Welten sein, die sich auf unsere beziehen, z.B. in dem sie sich in einem klar erkennbaren Punkt von unserer unterscheiden. Wenn es eine Zukunft ist, müssen wir erkennen können, wie wir vom Jetzt in diese Zukunft geraten.

Unser Experiment muss vorstellbar sein. Dabei ist nicht nötig, dass die andere Welt von Wesen bevölkert ist, die wir kennen. Auch Star Wars kann als Gedankenexperiment gedeutet werden. Aber all die Außerirdischen und Fabelwesen, die unsere Gedankenwelten bevölkern, müssen bestimmte menschliche Züge haben.

R2D2 ohne die Gefühle, die wir in sein Piepsen lesen, wäre einfach nur ein Haufen Blech. Chewbacca ohne seine starke Reaktion auf Verletzungen nur ein Haufen Fell.

Außerdem muss es vollständig und widerspruchsfrei beschrieben werden. Die Widerspruchsfreiheit wundert euch sicher nicht. Widersprüche und nicht nachvollziehbare Brüche nehmen auch einer zur Unterhaltung erdachten Geschichte jede Glaubwürdigkeit.

Aber wie sollen wir eine Welt wirklich vollständig gestalten? Müssen wir einen Schinken wie Herr der Ringe verfassen, damit unsere alternative Welt als Gedankenexperiment funktioniert?

Natürlich nicht. Die meisten Gedankenexperimente in der Philosophie sind nicht länger als ein paar Sätze. Wie ist das möglich? Indem sie immer auf unsere Welt verweisen.

In einer Welt, die sich in nichts von unserer Welt unterscheidet, außer …

Damit haben wir gleich einen Ankerpunkt in der Erfahrungswelt des Lesers, wie oben gefordert. Sein Vorwissen über unsere Welt schließt die Lücken, die unvermeidbar sind, weil wir als Autoren nicht jedes Detail der Welt festlegen können.

Dabei wird jedoch die Widerspruchsfreiheit wieder zum Problem. Wir müssen uns zwar nicht unendlich viele Details unserer Welt einfallen lassen, aber der Unterschied zur realen darf mit den anderen Gesetzen der realen Welt auf keinen Fall im Widerspruch stehen.

Die Philosophie macht es auch nicht

Die philosophischen Gedankenexperimente funktionieren als idealisierte Welten, ähnlich den Gedanken in der theoretischen Physik. Niemand erwartet von den Physikern, dass sich wirklich masse- und ausdehnungslose Punkte in unserer Welt beobachten lassen, um das Gesetz der Beschleunigung zu akzeptieren.

Den Gefallen tun uns Autoren die Leser nicht. Wer The Big Bang Theory guckt oder Fanfiction liest, weiß, dass wahre Fans jede Lücke einer Fiktion nutzen, um sie mit eigenen Geschichten zu füllen. Und wenn ihnen dabei Widersprüche auffallen, weiß es dank des Internets bald jeder.

Also muss der einzelne Punkt, in der sich die Welt von unserer unterscheidet, genau ausgearbeitet werden.

Wenn wir z.B. eine Welt entwerfen, in der es keine Schwerkraft gibt, woher wissen die Leute dann, wo oben und wo unten ist? Wie bewegen sie sich fort? Wie verhindern sie, dass ihnen dauernd etwas entschwebt?

Und wenn es nur eine Kleinigkeit zu sein scheint, wie in dem schon erwähnten philosophischen Gedankenexperiment, in dem Wasser nicht aus H2O, sondern aus XYZ besteht – wie kann es dann sein, dass es die gleichen chemischen Eigenschaften wie unser Wasser hat? Wie kann es noch mit Kohlenstoffdioxid Zucker bilden?

Aber keine Angst. Das sind Probleme, die lösbar sind. Die Lösungen müssen glaubhaft sein, nicht machbar. Wir müssen nur erklären, dass es zwei Hermines gibt, wenn sie den Zeitumkehrer verwendet, und sie sich selbst auf keinen Fall begegnen darf. Schon fragt niemand nach dem Zeitreiseparadox. Wir müssen nur erklären, warum kaum Menschen auf dem unbekannten Kontinent Zamonien leben, schon glaubt uns der Leser, dass es diesen gibt.

Stellt eurer Welt Fragen, wie ihr sie als Leser stellen würdet. Und findet Antworten, die den Regeln eurer Welt gehorchen. (Das gilt im Übrigen auch für Fantasy, die nicht als Gedankenexperiment angelegt ist.)

Wozu die Mühe?

Gedankenexperimente klingen ziemlich konstruiert und durchdacht. Warum sollten wir uns diese Mühe machen, wenn wir doch einfach nur Geschichten erzählen wollen?

Einerseits sind die Voraussetzungen eines Gedankenexperiments nicht so verschieden von denen einer guten Geschichte. Auch diese sollte glaubwürdig und widerspruchsfrei sein.

Andererseits geht der Zweck eines Gedankenexperiments über die Unterhaltung hinaus. (Unterhaltend sollte es auch sein, wenn es die Länge von ein paar Sätzen überschreitet. Wir wollen ja, dass es gelesen wird.) Durch ein Gedankenexperiment können wir Meinungen veranschaulichen, ohne ewig dafür zu argumentieren.

Warum ich der Meinung bin, dass unsere jetzige Lebensweise den Planeten kaputt macht? Lies doch mal dieses Buch. Warum ich glaube, dass Macht immer korrumpiert? Schau mal jenen Film an.

Sind unsere Experimente gutgeschrieben, regen sie die Empathie an. Wir erfahren nicht nur, dass sich Zauberer vor den Muggeln verstecken müssen. Wir erleben, welche Probleme sich daraus ergeben. Und wenn wir bisher nie versuchen mussten, unsere wahre Persönlichkeit zu verstecken, werden wir jetzt besser verstehen, was ein Coming-Out für einen Schwulen bedeutet.

Auch beim Schreiben lernen wir Neues. Ein Experiment probiert immer etwas aus, was es noch nie gab, ohne Wissen über das Ergebnis. Macht euch auf die Reise und schaut, wo ihr hinkommt.

Wenn alle Europäer jedes Jahr in den Urlaub fliegen, wenn Christopher Robin seinen guten Freund Pu vergisst, wenn eine Autorin aufhört zu schreiben.

Vielleicht ist sogar jede Literatur ein Gedankenexperiment. Ein Grund mehr, in den Werkzeugkoffer der Philosophen zu schauen und herauszufinden, wie wir es aufbauen sollten.

Kennt ihr ein gutes Gedankenexperiment aus der Literatur? Dann hinterlasst mir einen Kommentar! Wenn euch meine Texte gefallen, dann vergesst nicht, mir zu folgen. Für mehr Neuigkeiten über meinen Schreiballtag, Literatur- und Serientipps und andere Kleinigkeiten, folgt mir auch auf Facebook und Twitter. Und natürlich
lest! schreibt! lebt!

weitere Beiträge der Reihe:

Mehr Tiefe durch moralische Gefühle – 4 Muster

Niemanden verletzen – 3 Stigmafallen

Wer spricht da eigentlich? – 5 Gründe für Authentizität im Schreiben

Unter schreiben und leben habe ich gerade einen Gastbeitrag über Schreiben als Selbstfürsorge veröffentlicht. Ab nächster Woche werde ich jeden Montag (unterbrochen von den Grüßen aus dem Schreibhain) einen der 11 angerissenen Wege zu einem gesünderen Ich näher untersuchen.

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