Schreibmenschen · Tagespolitisches

Wer spricht da eigentlich? – 5 Gründe für Authentizität im Schreiben

In dieser Woche beginnt das Schuljahr in Sachsen-Anhalt und ich beginne ein neues Abenteuer als Ethiklehrerin. Nachdem ich Philosophie studiert und Deutsch und Schreiben unterrichtet habe, habe ich jetzt die großartige Chance, mein Studium und das Unterrichten zu kombinieren.

Diesen Monat werde ich daher Studium und Schreiben verknüpfen und eine Beitragsreihe darüber verfassen, wie die Ethik das Schreiben beflügeln kann (dies mag nicht für jede Art des Schreibens gelten, jedoch für das, was ich darunter verstehe). Gibt es einen Ethos des Schreibens? Welche ethischen Themen sollte das Schreiben beachten?

Ich selbst sein

Intellektuelle Redlichkeit und Authentizität bedeutet, zu schreiben, woran wir tatsächlich glauben können, nicht, alles zu schreiben, woran wir glauben. Nicht alle Dinge müssen unbedingt ausgesprochen werden. Aber das, was ausgesprochen (bzw. aufgeschrieben) wird, sollte wahrhaftig sein. Es bedeutet auch, offen anzugeben, von wem wir inspiriert wurden, ob wir jemanden zitiert haben, auch über Ängste und Schwierigkeiten zu schreiben.

(1) Diese Art des Schreibens tut gut, sie macht uns selbst deutlich, dass wir es wert sind, uns in den Mittelpunkt zu stellen. Jeder einzelne von uns.

Mehr als eine Mode

Über Authentizität wird in der Neuzeit viel gesprochen, jeder soll authentisch sein in dem, was er tut. Aber nur solange er glücklich und stark ist, Künstler und gleichzeitig Buchhalter und Marketingexperte, und natürlich unglaublich liebenswert. Wir lieben es, wenn unsere Celebrities authentisch wirken, wenn wir ihnen glauben, was sie sagen. Ob sie uns dabei immer noch etwas vorspielen, ist egal, Hauptsache, wir glauben ihnen, dass sie auch ganz normale Menschen sind. Dann fühlen wir uns gleich viel besser.

Aber Authentizität bedeutet so viel mehr. Es bedeutet, „ziemlich mies“ antworten zu können, wenn wir gefragt werden, wie es uns geht. Es bedeutet, unsere alte Lieblingshose anzuziehen, auch wenn sie schon lange aus der Mode ist, oder bauchfreie Tops, auch wenn alle sagen, wir seien zu alt dafür. Es bedeutet auch, zu unseren weniger schönen Eigenschaften zu stehen. Ich sage einmal ganz deutlich: Ich mag es nicht, aber ich bin ein sehr neidischer Mensch, es fällt mir unheimlich schwer, Menschen, die jünger sind als ich, Erfolg in einem Bereich zu gönnen, in dem ich selbst gerne Erfolg hätte.

Puh, ist es mal raus. Wenn wir Gefühle immer verbergen, weil sie nicht in unsere Kultur zu passen scheinen, platzen wir irgendwann und werden erst recht bösartig. Ich bin nicht stolz auf meinen Neid, aber ich bin stolz darauf, dass ich niemals aus Neid gehandelt habe. Und das vielleicht nur, weil ich wenigstens mir selbst gegenüber eingestehe, neidisch zu sein.

(2) Und davon ganz abgesehen ist jedes Gefühl erst einmal natürlich und erlaubt. Aber wenn wir unsere eigenen Gefühle totschweigen, wie sollen dann andere lernen, dass sie mit ihren negativen Emotionen nicht allein sind?

(Ich denke schon ein wenig aus der Perspektive der Lehrerin, merkt ihr das?)

Alles unrealistisch?

All das klingt sehr idealistisch, nicht wahr? Ich weiß nicht, wie viele Menschen meine Texte überhaupt lesen, geschweige denn, ob irgendjemand etwas aus ihnen lernt.

(3) Aber genau dieser Idealismus ist meine Motivation, überhaupt etwas zu veröffentlichen.

Ja, schreiben würde ich wahrscheinlich immer. Das ist einfach meine Weise, mit der Welt umzugehen. Aber wenn ich nicht hoffen würde, mit meinen Texten etwas in der Welt oder wenigstens in einem einzigen Menschen zu verändern, wüsste ich nicht, warum ich meine Worte in die Welt entlassen sollte. Schließlich macht man sich mit jeder Art der Veröffentlichung sehr verletzlich, auch wenn es ‚nur‘ eine Veröffentlichung in einem kaum gelesenen Blog ist. Und besonders, wenn ich ein Stück meiner Selbst in den Text gebe.

Gesicht zeigen

Unsere Welt braucht ein wenig Mut, braucht Menschen, die sich nicht verstecken. Auch wenn ‚der Markt‘ uns sagen mag, das will doch keiner lesen, ‚der Markt‘ ist ein Mythos, der sich selbst am Leben erhält. Schließlich können die Kunden nur das nachfragen, was schon da ist, und wir sollten die Leser nicht unterschätzen. Es wird immer Menschen geben, die blöd finden, was wir tun. Aber das ging allen Menschen so, die jemals etwas Großes erreicht haben. Natürlich, ihr könnt euch damit zufrieden geben, mit dem Strom zu schwimmen, es kann euch glücklich machen und ihr habt ein Recht auf dieses Glück. Aber wenn die Welt euch nicht gefällt, so wie sie ist, dann verändert sie!

Niemand kann das Rad neu erfinden. Niemand kann einen vollkommen neuen Weg gehen – oder nur sehr wenige.

(4) Aber einen neuen Weg zu sehen hilft auch dann, wenn wir ihn niemals gehen möchten.

Stellt euch vor, ihr fühlt irgendwie, dass ihr anders seid, aber niemand hat euch je gesagt, dass es Homosexualität gibt. Oder Transsexualität. Oder Frauen, die auf Mathe stehen. Wenn ihr euch einen neuen Weg erkämpfen musstet, weil alle euch sagten, das ginge nicht, dann berichtet darüber. Ihr werdet es denen, die so sind wie ihr, einfacher machen. Ihr werdet die Welt ein bisschen bunter machen, ein bisschen verständnisvoller.

Oder schweigt. Aber dann erwartet nicht, dass die Welt etwas akzeptiert, was sie nicht kennt.

Nicht den einfachen Weg gehen

Das ist nicht einfach, ich weiß. Wir können dafür weder Dankbarkeit noch Geld erwarten, im Gegenteil. Wir machen uns Feinde. Gerade im Internet ist es leicht, Hass zu verbreiten, denn die Hater müssen gerade kein Gesicht zeigen, sie können sich hinter erfundenen Namen und korrigierten Profilbildern verstecken. Vielleicht sind auch sie nur neidisch und trauen sich nicht, es zu sagen.

Aber ich glaube trotzdem, dass wir es tun sollten. Denn nichts wird sich ändern, wenn alle nur den einfachen Weg gehen. Alle großen Errungenschaften verdanken wir einem kleinen Menschen, der oder die sich dem Spott aussetzte, in dem er/sie sagte: Ich glaube, so ist das besser.

Wer, wenn nicht wir?

(5) Wir können uns nicht darauf verlassen, dass schon ein anderer für uns aufstehen wird.

Warum sollte er/sie? Wenn wir uns selbst nicht trauen, für unsere Wünsche einzustehen, warum sollten dann andere das tun? Und noch nie gab es so viele Möglichkeiten, sich zu Wort zu melden. Natürlich geht die eigene, leise Stimme im Lärm des World Wide Web schnell unter. Aber solange Populisten und Hassverbreiter ihre Meinungen kundtun, haben wir keine Zeit zu schweigen!

Also: lest! schreibt! lebt! und seid ihr selbst dabei!

 

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