Schreibmenschen · Tagespolitisches

Wie überlebt man seine Träume?

Wie überlebt man, ohne sie loszulassen?

Darf man noch träumen?

Zu schreiben war immer mein großer Traum, daran hat sich nichts geändert. Aber darf man denn noch schreiben in dieser Welt? Darf man sich in sich selbst zurückziehen, wenn draußen mal wieder organisiert die Menschen sterben?

Ich bin kein Kapitän, ich kann nicht auf das Mittelmeer rausfahren und Leben retten.

Darf man noch sein Talent mit einer brotlosen Kunst verschwenden, wenn man sie auch sinnvoller einsetzen könnte, gewinnbringender? Einen Gewinn, den man nutzen könnte, um Seenotretter zu unterstützen, Flüchtlingsanwälte zu bezahlen, Politiker zu bestechen, damit sie wenigstens in ihrem Egoismus mal über den deutschen Tellerrand schauen.

Ich bin kein Arzt, ich kann nicht ohne Grenzen heilen. Ich bin nur dieser Träumer mit gebrochenem Herzen, der es nicht mehr erträgt, Nachrichten zu sehen. Der sein bisschen Einkommen nutzt, fair produzierte Kleidung zu kaufen, und damit schon über seine Möglichkeiten lebt. Dessen Träume von Frieden und sauberem Wasser und Kunst für alle viel zu groß sind, um sie alleine tragen zu können.

Wie erträgt man Träume?

Die Schmerzen meines gebrochenen Herzens sind viel zu groß, um noch darüber weinen zu können. Und dann braucht es die Kunst, um die Tränenblase anzustechen, damit sie nicht im falschen Moment platzt. Gestern war es eine Les Miserables Verfilmung und dann weine und singe ich mit versklavten Straftätern in einem lange vergangenen Frankreich und frage mich, wie die Menschheit es eigentlich geschafft hat, so lange durchzuhalten. Jede Zeit war auf ihre eigene Art beschissen.

Die Träume macht diese Erkenntnis nicht kleiner, die Schmerzen auch nicht. Träume vertragen sich nicht mit Realismus. Jede Zeit hatte ihre Apokalypse, und dennoch bilde ich mir ein, unsere wird die letzte sein. Der Atomkrieg war immer nur eine lauernde Gefahr, der Klimawandel ist eingetreten. Wandel ist auch ein viel zu harmloses Wort. Im Wandel hat sich das Klima schon immer befunden, doch niemals ist es so schnell abgestürzt wie in den letzten Jahren. Vielleicht haben wir jene Schwelle schon überschritten, ab der der Prozess sich selbst verstärkt, ab der er nicht mehr zu stoppen ist. Und dann wird Afrika austrocknen, Europa wird sich erst bis aufs Blut über den Umgang mit Klimaflüchtlingen streiten und dann unter einer Eisdecke verschwinden, wenn der Golfstrom versiegt und aufhört, unsere Heizung zu sein. Vielleicht haben wir jene Grenze schon überschritten, ab der kein Kämpfen mehr lohnt.

Wozu also schreiben? Träumen? Schlafen? Vielleicht sind wir schon tot und wissen es nur nicht.

Wie erträgt man Wirklichkeit?

Aber warum nicht schreiben? Wenn morgen die Welt untergeht, wird niemand den Roman lesen können, an dem ich gerade schreibe. Aber so lange ich lebe, genieße ich jedes Wort. Solange ich leide, muss ich schreiben, um Kraft zu schöpfen. Und dann kann ich mit Flüchtlingen tanzen und ertrage ihre Freude, die mir so furchtbar unberechtigt erscheint angesichts der Situation, in der sie sich befinden, dann ertrage ich die Lebensgeschichten und Gefühle der Menschen, mit denen ich schreibe, die wiederum ihren Schmerz bei mir wegschreiben können.

So lange die Wirklichkeit meine Träume nicht erreicht hat, muss ich schreiben, um nicht permanent zu schreien. Die Wirklichkeit wäre leichter zu ertragen, wenn ich diese Träume nicht hätte, aber auch wenn ich die Wirklichkeit niemals meinen Träumen anpassen kann, will ich meine Träume nicht aufgeben. Nur die Differenz zwischen Traum und Wirklichkeit treibt mich an.

Nur das Leiden an der Wirklichkeit motiviert Veränderung.

Träumen! Schreiben!

Doch die Träume verursachen nicht nur Leiden, sie heilen es auch. Die Träume zeigen mir, wie die Wirklichkeit aussehen könnte, selbst wenn sie diesen Zustand niemals erreicht. Das Schreiben schließt die Lücke zwischen Traum und Wirklichkeit und lässt die Beste aller denkbaren Welten entstehen, in der nicht nur ich mich ausruhen kann.

Und wenn auch ihr Träume habt, die ihr alleine nicht tragen könnt, dann
lest! schreibt! lebt!

 

Was mach ich hier?

Stell dir vor, es ist Krieg …

Und ich weiß, dass du die Angst vergisst, wenn du schreibst

 

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