Throwback Thursday

Neunzig Minuten anstehen für sechzig Sekunden Spaß – RosaTag im Heidepark die Erste

Das kennt vermutlich jeder, der je in einem Freizeitpark war: auf die wenigen Bahnen kommen so viele Gäste, dass sechzig bis neunzig Minuten Wartezeit die Regel sind, wenn nicht gar ungewöhnlich wenig. Und alle nehmen das hin, als wäre es das natürlichste der Welt. In einem Park, der so unnatürlich und von Menschen gemacht ist, wie es nur geht, kommt niemand auf die Idee, die Wartezeiten auch nur zu hinterfragen.

Zugegeben, ich hätte auch keine Alternativlösung parat, und steht man mit den richtigen Leuten in der Schlange, wie ich am vergangenen Samstag, als der CSD-Nord den Heidepark geentert hatte, ist die Wartezeit auch wirklich kein Problem. Dennoch verwundert es mich, dass Menschen, die meckern, wenn sie an einer vollen Supermarktkasse für ihr lebensnotwendiges Brot und Mineralwasser zehn Minuten stehen müssen, ohne Murren neunzig Minuten in Kauf nehmen, um mit einer besonders rasanten und doch auch irgendwie gruseligen Achterbahn zu fahren.

Neunzig Minuten anstehen für sechzig Sekunden Spaß – das scheint mir eine besorgniserregende und doch treffende Analogie unserer ganzen Lebenseinstellung zu sein. Anders als an der Supermarktkasse wartet doch immerhin Spaß auf uns und nicht nur Überleben. Darum ist es in Ordnung.

Und so ist unser Leben. Die meiste Zeit passiert halt irgendwie gar nichts, ist halt Alltag, man muss ja. Und dann ist da dieser eine Samstag im Monat, an dem du dir tatsächlich mal was leisten kannst, und du drehst total ab. Völlig normal.

Und ich bin nun verrückt, weil ich das Schlangestehen zum Tanzen nutze, weil ich mehr als nur sechzig Sekunden Achterbahn in meinem Leben will? Die großen Gefühle, das Hoch und Runter, das scheut mich nicht. Ich brenne für das, was ich tue, da ist es doch kein Wunder, wenn ich hin und wieder ausgebrannt bin oder Brandblasen bekomme. Euer lauwarmes Leben will ich nicht.

Wenn ich aufhöre, über Wahlergebnisse in anderen Ländern in Tränen auszubrechen, werde ich aufhören, auf den Schwingen von Sophie Hungers Stimme fliegen zu können.

Die Zeit in der Warteschlange nutze ich, um gesehen zu werden. Der CSD-Nord spendiert allen Drag-Queens und -Kings den Eintritt, also hab ich mich kurzerhand in Schale geschmissen und mir einen Bart ins Gesicht gemalt. Mal abgesehen davon, dass es gut aussieht, fällt es auf, und ich liebe es, aufzufallen.

Ist mein starker Wunsch, berühmt zu werden, etwas besonderes zu sein, eigentlich so etwas besonderes? Oder ist er nicht eher die Triebfeder hinter jeder Kunst? Wenn jeder zufrieden damit wäre, normal zu sein, was auch immer das ist, würde dann noch jemand Bücher schreiben, Musik komponieren? Es gibt so viele Menschen, die gerne singen, Gitarre spielen, schreiben, die wirklich gut sind und dennoch niemals eine künstlerische Karriere in Erwägung gezogen haben. Und warum wohl? Sie ist anstrengend und unsicher, ständig muss man kämpfen, um den Lebensunterhalt, die Anerkennung, das Recht, das zu tun, was man am liebsten tut. Warum nimmt man all das auf sich, wenn nicht um berühmt zu werden? Selbst wenn man anonym einen Blog im Internet schreibt und auf der Straße nicht erkannt wird – das Gefühl, zu wissen, fünfhundert Leute haben meine Gedanken gelesen, denken an mich, reden über mich, egal ob gut oder schlecht, haben mich wahrgenommen als das, was ich im Innersten bin, ein Dichter – das muss unbeschreiblich sein.

Wie das Gefühl, vom LIMIT mit den Füßen voraus in den Himmel geschleudert zu werden. Und die KRAKE, die dich nach freiem Fall verschlingt, lauert hinter jedem Text, der nicht nach wenigen Stunden das erste LIKE kassiert.

Es ist nicht unbedingt magenfreundlich, aber geil, so geil. Und dort unten sehe ich euch immer noch Schlangestehen.

Ich will nicht die pure Kunst. Ich will ein Kunstwerk sein. Und wenn ich damit die Dogmen eures Lebens durcheinander bringe, tut es mir nicht leid. Das einzige, was ich loswerden will, ist das Lügen, das Wegducken, die Maske. Ich mag mich nicht, aber ich mag, wer ich bin, auch wenn das unsinnig klingt. Ich bin nicht gern die, die ich bin, denn es tut weh. Aber ich möchte niemand anderes sein.

Ihr könnt das ruhig manisch-depressiv nennen. Ich nenne es leben. Und wenn ich zur Therapie gehe und Medikamente nehme, dann nicht, um endlich Schlangestehen zu lernen. Ich falle vielleicht mal um von den vielen Loopings und Schrauben, aber ich sitze viel schneller wieder im Sattel, als ihr denkt. Das einzige, was ich lernen muss, ist, den Egoismus zu finden, um zu mir selbst zu stehen. Und das nächste Mal das viele Geld für einen Express Butler auszugeben, um nicht mehr Schlangestehen zu müssen.

(Erstmalig veröffentlicht am 05.09.2016)

 

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