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Flammend kalt

Mein Schreibtisch

Als das Feuer im Kamin erlosch, atmete ich erleichtert aus. Zu heiß war es geworden, ich dachte schon, das Haus würde in Flammen aufgehen. Ich genoss die Stille und die Kälte, die durch die zugigen Fenster herein drang. Dunkel war es, aber das genoss ich auch. Alles war besser als dieses gleißende Licht.

Kleine Geister hatten in jeder einzelnen Flamme gelebt. Mach mehr, hatten sie geflüstert, mach es besser. Jede einzelne Seite meiner vielen Schreibversuche hatten sie verzehrt. Ich konnte nicht mehr schreiben.

Verdiene Geld, hatten sie gerufen, gib uns Nahrung. Und ich war in die Stadt gelaufen, hatte mich als Hauslehrer gelangweilter Kinder verdingt und Holz nach Hause geschafft. Mehr, mehr, riefen sie.

Den Whiskey, den ich mir zu meinem Feierabendbuch genehmigte, gönnten sie mir ebenso wenig wie die Lektüre. Es zischte, als ich die goldene Flüssigkeit ins Feuer goss. Wir haben Durst!, heulten die Flammen.

Schwarzen Staub hinterließen sie auf meinen Möbeln und Büchern. Ich putzte von früh bis spät, dennoch traute ich mich nie, meine Schüler zu Hause zu empfangen.

Die alten Steine des Kamins knisterten vor Hitze.

Wenn die Flammen einmal schwiegen, griff ich wieder zu Feder und Tinte. Die Geschichte in meinem Kopf schwatzte unablässig, sie wollte hinaus. Die ganze Nacht hindurch schrieb ich, Seite um Seite. Und am Morgen ging ich zu meinen Schülern in die Stadt.

Als ich am Abend nach Hause kam, war ein Windhauch aus dem Kamin durch die Blätter gefahren, sie lagen wild verstreut auf dem Boden. Eins nach dem anderen sammelte ich sie auf, als die Flammen im Kamin wieder zu flüstern begannen.

Zeig es uns, zeig es uns, drängten sie und ich trat näher ans Feuer. Du bist schlecht, du bist kein Schriftsteller. Eine Seite nach der anderen opferte ich den Flammen. Sie hatten ja Recht.

Du bist kein Lehrer, höhnten sie, als ich schon am Boden lag. Geh ins Büro. Geh Briefe schreiben.

Meine Hände suchten in dem schwarzen Staub auf den Steinfliesen nach Halt, aber nichts war mehr da. Alles hatte ich dem Feuer geopfert. Meine Träume, meine Bücher, meinen Schnaps. Was übrig blieb, war ein einfaches bürgerliches Leben.

Ich war kein Schriftsteller.

Ich war so müde.

Als das Feuer im Kamin erlosch, atmete ich erleichtert aus. Schnee wehte durch den Schornstein herein und kühlte meine glühenden Wangen, Schnee kühlte den Boden unter mir und meine müden Glieder.

Die Geister waren verstummt. Jetzt könnte ich in Ruhe lesen. Oder schreiben. Oder einfach hier liegen bleiben.

Der Wind heulte um das Haus, durch die Fensterritzen, den Kamin. Schnee wirbelte um das leere Bücherregal. An meinem gekrümmten Rücken blieb er liegen, ich bildete einen natürlichen Windfang. Ich stellte mir vor, wie kleine Mäuse auf dem Schneeberg hinter mir Schlitten fuhren.

Das könnte eine witzige Geschichte abgeben, etwas für Kinder, etwas, was ich noch nie geschrieben hatte.

Nicht einmal mein kleiner Finger zuckte in Richtung des Schreibtisches.

Schnee wirbelte durch den Kamin und legte sich auf meine Augen. Er war kalt und still, er forderte nichts.

Als das Feuer im Kamin erlosch, atmete ich erleichtert aus. Ein aller letztes Mal.

14-03-2019

Aufgabe: Sammle in einem Cluster Assoziationen zum Thema „Unheimlicher Stress“. Gehe fließend vom freien Assoziieren über zu einem Text.

Cluster zum Thema "Unheimlicher Stress"

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