Tagespolitisches

Das Kreuz des Individualismus

inspiriert durch: Juli Zeh, „Corpus Delicti“

Der Kern des Individualismus besagt, dass jeder Mensch etwas Besonderes ist. Der moderne westliche Mensch macht daraus, dass jeder Mensch eine Eigenschaft oder Fähigkeit besitzt, in der er/sie/es sich von allen anderen Menschen unterscheidet. (Und getrost der Strategie, was noch nicht ist, muss noch werden, besitzen sollte.) Wobei die mögliche Dualität (möglichst stark vs. möglichst schwach ausgeprägt) je nach Eigenschaft und Fähigkeit schon auf eine erstrebenswerte Seite reduziert wird, wer würde sich schon dafür rühmen, fauler zu sein als alle anderen?

Der Beste sein

Bei über 7 Milliarden Menschen und vielleicht 100 relevanten Eigenschaften und Fähigkeiten eine ziemlich unmögliche Aufgabe. Selbst wenn es eine Million verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten gibt (ich maße mir sicher nicht an, alle gezählt zu haben), bleiben immer noch 6 Milliarden 999 Millionen Menschen übrig, die nicht in diesem Sinne besonders sind, schließlich kann pro Fähigkeit immer nur einer der absolut Beste sein (nehmen wir einfach mal an, sowas ließe sich objektiv bestimmen, schließlich mag der moderne westliche Mensch ja seinen Glauben an die objektive Welt). Abzüglich der Kinder, die noch zu jung sind, um in diesen Maßstäben zu denken, und derjenigen, die auf Grund ihrer Abgeschiedenheit oder ihres Glaubens sich noch nicht von dem westlichen Perfektionierungswahn haben anstecken lassen, bleiben immer noch ziemlich viele über, die immer mehr oder weniger unzufrieden mit sich sind.

Kein Wunder, dass die Depressionsrate so hoch ist. Denn selbst wenn wir jung und hip und Yogi sind und immer gegen den uns anerzogenen Glauben an Besonderheit durch herausragende Leistungen ankämpfen – so ganz davon los kommen wir doch nicht. Haben wir doch noch ein zusätzliches Frustrationspotential: die Erkenntnis, dass wir selbst an einem mittleren Maß an Gelassenheit (denn schließlich wissen wir ja, dass der Beste zu sein kein notwendiges Ziel ist) immer wieder scheitern.

Die vielen Gesichter der Depression

Und nicht jede Depression zeigt sich tatsächlich in den psychiatrischen Kliniken – die meisten zeigen sich an irgendwelchen, wie harmlos auch immer erscheinenden, Süchten. Es muss ja nicht gleich Alkohol sein, sich mit Schokolade oder Frustkäufen zu trösten gehört auch schon dazu.

Aber was bedeutet „besonders“ eigentlich? Bedeutet es nicht einfach nur „unverwechselbar“? Und muss man wirklich der Beste in irgendetwas sein, um unverwechselbar zu sein?

Seien wir mal ehrlich: haben wir jemals einen Menschen, den wir im relevanten Sinne kannten, mit einem anderen verwechselt? Natürlich verwechseln wir andauernd Menschen, ich z.B. (aus welchem Grund auch immer) Bruce Willis und Tom Hanks und all die wunderbaren Emmas – Emma Stone, Emma Thompson und Emma – wie hieß sie noch gleich? Aber von diesen auf ihre Weise einzigartigen Menschen weiß ich eigentlich auch nur, dass sie ziemlich gute, erfolgreiche Schauspieler sind, wie sie aussehen und – manchmal – ihren Namen. Aber niemals habe ich meine eine Schwester mit meiner anderen Schwester verwechselt. Auch wenn sie keine Superstars sind und vermutlich auch nicht besser als alle anderen in dem, was sie tun, sind sie doch ganz unverwechselbar sie selbst – und damit besonders und liebenswert.

So besonders wie ich

Und auch wenn ich mir oft wünschen mag, eine so ausdrucksstarke Mimik zu haben wie Emma Stone oder so viel Geld wie Bruce Willis – so wäre ich doch gerade, wenn ich versuche, wie sie zu sein, nichts besonderes mehr. Sondern einfach ein Double von jemandem, der so besonders ist, wie auch ich es bin, wenn ich aufhöre, mich zu vergleichen.

Der Individualismus stellt uns scheinbar vor eine unmögliche Aufgabe. Wir sollen ganz einzigartig sein – und trotzdem genauso (schlank, fleißig, ehrgeizig, …) wie alle anderen. Denn die Gesellschaft hat es nicht sonderlich gern, wenn jemand so ganz anders ist. Aber nicht der Individualismus an sich ist Schuld an der Zunahme der Depressionen, sondern dieser falsch verstandene Individualismus. Denn tief in uns drin haben wir wohl noch nicht begriffen, dass Individualismus zunächst einmal bedeutet, sich selbst als das Individuum, das man ist, anzuerkennen.

 

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4 Kommentare zu „Das Kreuz des Individualismus

  1. Du hast das so schön, mit angemessen viel Augenzwinkern und schrittweise entwickelt und auf den Punkt gebracht, dass ich ohne jede Mühe genüßlich folgen konnte, mich während dem Lesen schon selbst reflektiert habe und am Ende die Weite der Freiheit riechen kann. Danke!

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  2. Noch ein absurder Gedanke: um wirklich der/die beste in irgendwas sein zu können, müsste es ja jemanden geben, der das überhaupt beurteilen kann, der also diese spezielle Eigenschaft/Leistung mit allen anderen 7 Mrd Menschen vergleichen kann!

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