Tagespolitisches

Neues aus dem Schreibhain

Aufgabe: Einen Satz aus einem Buch 10 Minuten weiterschreiben.

„Für Menschen, denen die Kräfte des Unterbewusstseins nie zum Erlebnis geworden sind, mag es naiv klingen.“ Aber man kann an Angst sterben. Kann man wirklich. Wenn das Herz so zu rasen beginnt, dass es den ein oder anderen Schritt auslässt, der Schweiß aus den Poren rinnt und mehr Wasser lässt, als man zu trinken in der Lage ist, die Elektrolyte schwinden und der Atem sich verkrampft.

Und anhält – einfach anhält und alles bleibt stehen. Schockstarre vielleicht, vielleicht auch Resignation, weil doch nichts anderes übrig bleibt als innezuhalten, der Angst ins Auge zu sehen und sich vom Tiger verschlingen zu lassen. Man kann vor sich selbst nicht davon laufen. Man kann sich verleugnen, aber immer bleibt da dieses Unterbewusste, das Steine in den Weg legt, sei es aus Rückenschmerzen oder Schlaflosigkeit, das immer daran erinnert, dass da doch etwas war, was man vergessen hat, vergessen wollte, daher nur halbverdrängt im Hintergrund schlummert, bis der Tiger wieder zum Sprung ansetzt. Hast du jemals den Tiger in der Ecke gesehen?

Für Menschen, die niemals Halluzinationen hatten, sei es durch Drogen, akute Panik oder einfach so, mag es unverständlich klingen, ich weiß, dass der Tiger nicht da ist, aber ich sehe ihn trotzdem. Mein Atem wird flacher, mein Puls rast und ich bin mir sicher, ich werde sterben, einfach nur, weil mein Unterbewusstsein es so will.

Weil es müde ist vom Verdrängen, Verleugnen, Verschieben. Anpassen an eine Welt, die niemals meine war. Die Tiger in der Ecke leugnet und für verrückt erklärt, um nicht anerkennen zu müssen, dass nichts sicher ist. Auch nicht bei uns.

Man kann an Angst sterben und an Müdigkeit. Schon allein, weil man vor dem Tiger stehen bleibt.

 

Und da fällt mir doch glatt noch etwas anderes ein: Seid ihr auch schon mal neidisch auf die Krankheit eines anderen gewesen? Nicht auf ihre Gesundheit, vielleicht weil ich Gesundheit gar nicht will oder für vorstellbar halte. Auf Krankheiten, die man sehen kann, Magersucht zum Beispiel. Aber dafür hatte ich nie die Selbstdisziplin. Krankheiten, an denen man sterben kann, damit der ganze Scheiß irgendwann ein Ende hat.

Krankheiten, mit denen man ernst genommen wird. Auch wenn die Depression doch in den letzten Jahren auch schon recht gesellschaftsfähig geworden ist, nachdem berühmte Sportler und Künstler sich mit ihrer Depression geoutet haben. Aber doch immer nur die eine Form der Depression, der Burn-Out, der voraussetzt, dass jemand gebrannt hat, aber doch nicht ich, nicht die arbeitslose Philosophin, die noch nichts erreicht hat in ihrem Leben, die nichts tut außer Fernsehen und Lesen, hin und wieder mal was schreiben.

Es sind nicht nur zwei Seelen in meiner Brust, es sind mindestens vier. Da ist das kleine einsame Mädchen, das einfach nur Angst hat und in jedem Lächeln eine potentielle zweite Mutter sieht, das ungeheuer zutraulich und aufdringlich-anhänglich ist. Daneben der zynische Teenager, der sich selbst und alle anderen hasst und einfach nur sterben will oder etwas kaputt schlagen. Und der altersweise Philosoph und Psychologe, der mir sagt, ich solle mich endlich zusammenreißen, ich sei doch mittlerweile erwachsen und könne mir selber geben, was mir vielleicht als Kind fehlte, niemand habe gesagt, dass das Leben leicht werde, und jeder habe mal miese Tage.

Und ich dazwischen, höre mir alle diese Stimmen an und bin doch keine davon. Ich versuche meinen Weg zu finden durch diesen übervollen Geist und alle Widersprüche, versuche die Ansprüche herunterzuschrauben, an mich selbst und das Leben, und sie Brüche zu ertragen.

Es gelingt mir nicht oft. Und dann wäre es doch ganz schön, wenn jemand da draußen mal sehen könnte, welcher Krieg in mir tobt. Aber auch das würde den Krieg nicht beenden.

Backen hilft. Daher kommt dieses Wort zur Woche auch so spät.

Esst Kekse. Und wenn ihr in Magdeburg wohnt – kauft sie bei Frau Erna in Stadtfeld 😏

Ein Kommentar zu „Neues aus dem Schreibhain

  1. Ich erkenne mich in vielem wieder was du schreibst…
    Indem du hier postest, machst du deinen Krieg doch sichtbar. Vielleicht wird er dadurch etwas erträglicher? Ich wünsch es dir jedenfalls. mir hilft das schreiben sehr!
    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

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