Throwback Thursday

Arbeitslos

Aufgabe: Aus der Perspektive eines Möbelstücks schreiben

Ich ertrinke in Papier. Ich ertrinke einfach hier und niemand merkt’s. Meine Besitzerin ist schon seit Wochen nicht mehr vorbeigekommen.

Dabei bin ich doch Dichter! Ich bin ihr wertvollstes Gut, ihr fehlt nur der Mut, den Müll beiseite zu räumen und darunter Gold zu finden. Und dreckige Kaffeetassen.

Ich kann es echt nicht fassen wie vernachlässigt ich werde. Was tut sie denn schon? „Ich muss Geld verdienen“ klingt für mich wie blanker Hohn, denn ich schaffe doch Geld. Ich schuf schon mehr als eine Welt und wenn mal etwas fertig würde …

Ja, wenn mal etwas fertig würde …

Ich trage eine viel zu schwere Bürde, gestorbene Träume und Berge von Staub. Für all ihre Schreie waren alle nur taub außer mir. Trotzdem steh ich allein. Sie hat aufgegeben.

Doch mich kriegt man nicht klein! Ich bleibe am Leben, ich bleibe ein Dichter. Erklärt mich ruhig für verrückt, doch – ich habe so viele Gesichter! Ich habe tausend Stimmen und wir bilden einen Chor, aus tausend Kehlen steigt ein Märchen empor!

Oder – ist das zu pathetisch?

Sollte ich aufhören zu reimen?

Sie fehlt mir so, sitzt an anderen Tischen, schreibt auf anderen Flächen zu anderen Zwecken und ich bin nur die Ablage für Briefe, die nie beantwortet werden.

So fühlt es sich also an, das Sterben. Langsam, Buchstabe f ü r   B u c h  s   t   a    b    e.

Ich war ein Dichter und ich wollte nichts and’res sein. Jetzt bin ich nur Holz und der Raum ist für mich viel zu klein. Ich teile ihn mir mit schweigenden Büchern, Bergen von Papier und staubgrauen Tüchern aus Spinnengeweb.

Ich frage mich, ob ich überhaupt noch leb, denn niemand will haben, was ich täglich geb, niemand will hören, was ich täglich seh, niemand verstehen, was ich nicht versteh –

Nur sie. Die irgendwo arbeiten ist. Und ich hier voll Angst, dass sie mich vergisst.

Ich vermisse den Duft von Kaffee und Tinte, das Trommeln rastloser Finger, das Klicken der Tasten. Ich vermisse unsere Nächte, das Schweigen, das Fasten – weil Geschichten mehr Nahrung geben als Brot. Ich weiß ganz genau, ohne mich schwebt sie in Not. Und wenn ich Füße hätte an meinen vier Beinen, würde ich zu ihr eilen jede Wette. Zög sie an meine Seite und zu guter Letzt, hätten wir endlich ein neues Skript aufgesetzt.

(09.2016)

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