Schreibmenschen

Alles im (Schreib)fluss – freie Assoziation

1983, alles muss weg, alles muss sterben. Es ist nie zu spät, neugeboren zu werden.
1987, was sagst du mir? Gar nichts. Ich habe keine Erinnerung, keinen Bezug zu meiner Generation. Was bedeutet das auch schon.
Jona geht es ähnlich. Auch sie ist eine Insel, sogar noch viel mehr als ich, ohne Bezug zu Menschen, zu irgendwem. Familie, Freunde, Kollegen sind ihr im Großen und Ganzen alle egal.

Auszug aus meinem Notizbuch

Vom Hundertsten ins Tausendste

Bevor wir das Kapitel „Zum Ich kommen“ abschließen und zu „Das Ich pflegen“ kommen, wenden wir uns noch einem Stichwort zu, das bereits immer wieder anklang: Die freie Assoziation.

Die freie Assoziation liegt allem automatischen Schreiben zu Grunde, das wir in diesen Übungen betreiben. Es bedeutet, einfach mit dem ersten Gedanken weiter zu machen, der gerade kommt. Nichts auszulassen. Nichts umzuleiten. Sich überraschen zu lassen von dem, was passiert.

Als Eingangszitat habe ich heute einen Auszug aus meinem Notizbuch gewählt, in dem ich von einen Songtext (erste Zeile, Sophie Hunger) über mein eigenes Leben (zweite Zeile) zu meinem damals aktuellen Romanstoff gekommen bin. Dabei sind die Assoziationen nicht immer im Nachhinein noch so offensichtlich, wie es im Beispiel der Fall ist. Oft wissen wir gar nicht, warum wir bei Apfel an Fruchtbarkeit denken müssen. (Das ist mir in einem Kurs passiert. Alle haben sehr gelacht.) Doch gerade daraus ergibt sich die Möglichkeit, neue Lösungen zu finden.

Von der Gesprächstherapie an den Schreibtisch

Schon der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, hat mit freier Assoziation gearbeitet, indem er seine Patienten einfach hat reden lassen. Dabei kamen spontan Erinnerungen hoch, an die lange nicht gedacht worden war. Menschen stellten gedankliche Verknüpfungen her, die ihnen noch gar nicht klar gewesen waren. Im Unterschied zur Analyse fällt jedoch der Posten der Interpretation, der gerade bei Freud immer wieder kritisiert wird, dem Schreibenden selbst zu. Mag sein, dass andere euch manchmal besser kennen als ihr selbst. Aber wer ihr sein wollt, kann euch niemand sagen!

Beim Lesen einer ganzen Reihe von frei geschriebenen Texten wird offensichtlich, dass wir immer wieder zu den gleichen Themen zurückkommen. Auch in den Werken bekannter Autoren können wir feststellen, dass die Figuren und Grundthemen sich immer wieder ähneln. Das heißt jedoch nicht, dass wir nichts Neues mehr aus den Texten lernen.

Vielleicht ist euer Grundthema, euch gegen andere durchsetzen zu können. Auch das müsst ihr erst einmal herausfinden. Vielleicht habt ihr viel darübergeschrieben, dass immer wieder niemand auf euch hört. Später schreibt ihr, wie ihr aufhört, zu reden. Oder wie ihr endlich auf die Person trefft, die euch wirklich sieht.

Dann lest ihr die Texte wieder, die sich in eurem Tagebuch angesammelt haben. Immer wieder die gleiche Leier, ihr müsst etwas ändern! Aber dafür müsst ihr erst einmal wissen, was eigentlich schief läuft. Schreibt doch einmal, was wäre, wenn ihr gehört werdet. Vielleicht habt ihr Angst davor?

Besser lügen?

In einem Stimmseminar an diesem Wochenende habe ich eine interessante Erfahrung gemacht. Wer beim Sprechen frei assoziiert, kann viel glaubhafter lügen, da er keine ‚Ähm’s und ‚Mhm’s mehr zum Überlegen braucht. Dieser Hinweis mag euch aus zwei Gründen seltsam erscheinen: Einerseits wollen wir doch gar nicht angelogen werden, warum schreibt sie jetzt darüber, wie wir lernen, besser zu lügen? Und wenn wir lügen wollen, wollen wir doch andererseits etwas Bestimmtes vermitteln. Haben wir unsere Assoziationen denn ausreichend unter Kontrolle, um noch zu wissen, was wir sagen?

Das können wir üben! Mir passiert es immer wieder, dass ich Geschichten erzähle und hinterher denke „Stimmt doch gar nicht.“ Auch wenn mir immer wieder geglaubt wird, habe ich nichts davon, da diese Geschichten ebenso schnell wieder verschwinden, wie ich sie völlig frei erfinde. Doch oft haben wir doch auch das Problem, dass wir die Wahrheit sagen und dennoch glaubt uns niemand.

Das liegt daran, dass wir uns selbst nicht glauben! Vielleicht wissen wir, dass die Fakten stimmen, weil wir gut recherchiert haben. Vielleicht haben wir es selbst erlebt. Aber wir glauben nicht, dass wir es gut vermitteln können. Wir haben Angst, wir könnten etwas vergessen. Und schon klingt es gelogen.

Besser vortragen!

Nicht nur beim Lügen können wir im Sprechen frei assoziieren. Wenn wir in einem Thema wirklich drin sind, kommen die Gedanken von allein. Nur unsere Angst vor dem Vortragen blockiert die Gedanken und lässt die Sprache weniger frei fließen. Schreibt euch also beim nächsten Vortrag nicht einfach Stichwortzettel, auf denen ihr euch dann verheddert. Schreibt viele verschiedene Varianten eures Vortrages, bis er freikommt. Und dann lest ihn nicht ab, erzählt ihn nicht nach, erzählt ihn neu – dann werden die Zuhörer an euren Lippen hängen.

Mich besser verstehen

Last but not least ist die freie Assoziation natürlich auch im Schreiben immer noch eine gute Möglichkeit, sich kennenzulernen. Wenn ihr wie im letzten Beitrag euch selbst Fragen stellt oder in den nächsten eure Gefühle erkundet, plant nicht vorher, was ihr schreiben wollt. Denn dann wird euer Text für euch so hilfreich wie ein auswendig gelernter, herunter geleierter Vortrag.

Schreibt einfach drauflos, ohne Rücksicht auf Verständlichkeit und Kohärenz. Ihr schreibt für euch, nicht für ein Publikum. Ihr schreibt, um euch besser zu fühlen. Ihr seid es wert, dass ihr euch den Raum lasst, in euch selbst abzutauchen. Eure Gedanken sind interessant, also sperrt sie nicht in euren Kopf!

Und wenn euch beim ersten Versuch nach einer Minute die Worte ausgehen, versucht es wieder! Wir alle können das, wir haben nur gelernt, uns einzuschränken. Aber davon haben nur die anderen etwas, nicht wir selbst!

Übungen

  • Quer durchs Alphabet: Schreibt alle Buchstaben des Alphabets untereinander. Schreibt hinter jeden Buchstaben ein Wort, das mit diesem Buchstaben beginnt. Schreibt das erste Wort, das euch einfällt!
  • Assoziationskette: Beginnt mit irgendeinem Wort (z.B. „Apfel“) und schreibt die erste Assoziation auf, die euch kommt. Dann assoziiert zu diesem Wort.
  • Cluster: Schreibt in die Mitte eines Blattes ein Wort oder Thema. Schreibt alle Assoziationen zu diesem Wort darum herum. Denkt nicht darüber nach!
  • Textassoziation: Beginnt mit einem zufälligen Satz oder Wort. Notiert die Gedanken, so wie sie kommen. Wenn der letzte Satz mit dem ersten gar nichts mehr zu tun hat, habt ihr richtig losgelassen.
  • Und bei allen Aufgaben:
  • Löst euch von dem Gedanken an einen Zweck oder eine vorgegebene Form. Lernt wieder zu spielen!

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