Schreiben als Selbstfürsorge · Schreibmenschen

Weil du es wert bist – Gefühle mitteilen

„Niemand, siehst du, ich wachse nicht mehr
Meine Hände sind Füße, niemand schau her
Bald bin ich nichts und das was dann bleibt
Ist deine Wenigkeit“

Sophie Hunger, „Walzer für Niemand“

Wer hat das nicht gemacht als Teenager, Liebesbriefe geschrieben und niemals abgeschickt? Hassbriefe vielleicht auch?

Briefe an jemand

Allein das Ausdrücken der Gefühle bringt Erleichterung. Der Adressat muss den Brief gar nicht erhalten, aber wir wollten es doch wenigstens gesagt haben. Im Schreiben können Gefühle auf vielerlei Weisen mitgeteilt werden, ob es nun Briefe sind, Gedichte oder Liebeslieder.

Dabei geht das Schreiben über das bloße Ausleben der Gefühle hinaus, da der Adressat zumindest beim Schreibprozess mitgedacht ist. Es gibt ein Gegenüber, selbst wenn der Text seinen wirklichen Adressaten niemals erreicht. Dennoch entwickelt sich ein Gespräch.

Briefe an einen Toten

Das ist nicht nur dann sinnvoll, wenn der Adressat unsere Gefühle niemals erfahren darf. Der Chef sollte nicht wissen, wie sehr wir ihn verachten. Der verheiratete Arbeitskollege kann mit dem Liebesbrief sicher nicht viel anfangen.

Doch auch mit Verstorbenen können wir durch Texte kommunizieren. Ich meine dies weder im Sinn eines Mediums, noch will ich behaupten, dass es das reale Gespräch ersetzen würde. Den Tod können wir durch Worte (vermutlich) nicht überwinden.

Trotzdem bleibt das Verlangen, mit dem verlorenen Liebsten zu reden. Diesen Wunsch immer runter zu schlucken, macht krank. Vielleicht will das Umfeld, dass wir weitermachen, als wäre nichts geschehen. Es ist leichter für sie. Doch für uns Trauernde ist das keine Option. Also schreiben wir. Ich habe ganze Tagebücher voller Briefe an eine Freundin, mit der ich nicht mehr sprechen kann. Und dadurch ist sie immer bei mir.

Durch die Briefe können wir loslassen lernen. Ohne dass wir verlassen sind. Die geliebte Person bleibt immer in unseren Gedanken, aber wir können besser ertragen, sie nicht mehr zu sehen.

Briefe an niemand

Nicht immer richten sich diese Briefe an eine bestimmte Person. Angeblich haben die Deutschen den Weltschmerz erfunden. Ganz bestimmt sind wir in der Lage, freischwebende Gefühle zu empfinden, die sich auf niemand bestimmten richten. Wütend zu sein, einfach so. Oder traurig. Und auch diese Gefühle müssen raus.

Natürlich können wir sie im immerwährenden Selbstgespräch unserem Tagebuch anvertrauen. Auch das ist eine Form der Mitteilung von Gefühlen.

Oder wir richten unseren Schmerz in einem Blogbeitrag über das Internet an die ganze Welt (zumindest gefühlt). Es ist egal, ob wir zwei Leser haben oder zweihundert. Unsere Sicht der Dinge ist da draußen, sie kann gefunden werden, wir sind nicht mehr stumm.

Auch Lyrik entsteht oft aus dem Drang heraus, der Welt seine Gefühle mitzuteilen. Ob klassische Gedichte, Songtexte oder moderner Poetryslam. Vereinend ist das Dialoghafte des Schreibens – selbst wenn unsere Texte niemand je lesen wird, ist der Leser beim Schreiben schon gedanklich anwesend.

Briefe an sich selbst

Habt ihr euch schon mal selbst einen Liebesbrief geschrieben? Habt ihr eurem vergangenen Ich mitgeteilt, dass alles besser wird, irgendwann? Oder euer zukünftiges Ich daran erinnert, welche Ideale es niemals vergessen soll?

Die Möglichkeiten der Kommunikation mit sich selbst gehen weit über das klassische Tagebuch hinaus. Und auch die Ziele sind vielfältiger als das reine Festhalten von Tagesabläufen und Erlebnissen.

Wolltet ihr ein bestimmtes Kompliment immer schon mal bekommen? Dann macht es euch selbst! Habt ihr eine beschützende Freundin während der Kindheit vermisst? Dann seid jetzt eine für das Kind in euch, sei es in Form eines Briefes oder einer Geschichte. Habt ihr Angst, dass Alltagsstress euch vergessen lässt, dass euch Qualität immer wichtiger war als Quantität? Oder Erfolg euch das Elend der weniger Glücklichen ignorieren lehrt? Dann erinnert euch selbst daran! Schreibt Briefe an euer zukünftiges Ich, die ihr in einem, in fünf oder auch erst in zwanzig Jahren öffnet. Mit digitalen, in einer Cloud gespeicherten Kalendern können wir uns ja mittlerweile auch Termine in der fernen Zukunft notieren.

Behandelt euch selbst so, wie ihr von anderen behandelt werden wollt! Die anderen könnt ihr eh nicht ändern.

Der Brief von dir

Und zu guter Letzt teilt ihr natürlich auch dann Gefühle mit, wenn ihr bestimmte Gefühle in einem tatsächlichen Leser hervorruft.

Das oben zitierte Lied von Sophie Hunger wurde natürlich nicht für mich geschrieben, dennoch spricht es mit mir, wenn ich es höre. Vielleicht ist diese Form der Kommunikation eine große Kunst, sicher ist sie immer verhältnismäßig unkontrollierbar. Wir wissen weder, wo unsere Texte ankommen, noch wie sie ankommen. Die, an die ich beim Schreiben dachte, liest meinen Blog vielleicht nie; die, die es lesen, fühlen vielleicht etwas ganz anderes als das, was ich verbreiten wollte.

Aber trotzdem fühlt jemand etwas durch meine Worte. Ich bin nicht unsichtbar. Meine Gefühle sind wichtig. Und genau darum geht es:

Wir haben relativ wenig Einfluss auf die Außenwelt. Aber wie wir die Außenwelt wahrnehmen, hängt von unserer Innenwelt ab. Und die können wir verändern, indem wir unsere Gefühle wahrnehmen, uns selbst zuhören und uns mitteilen, uns ernst nehmen und mit allen Facetten lieben lernen. Alle eure Gefühle gehören zu euch, sie machen euch einzigartig und liebenswert. Also umarmt euch selbst und
lest! schreibt! lebt!

Übungen:

  • Schreibt einen Brief an jemanden, den ihr vermisst. Was wollt ihr dieser Person erzählen?
  • Schreibt einen Liebesbrief an euch selbst, den ihr in genau einem Jahr wieder öffnet.
  • Schreibt einen Text über eure größte Angst, der im Leser Angst hervorruft.

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