Workshops Kreatives Schreiben

Ausflug mit Daunen

Etwas verspätet, aber endlich die versprochene Übung:

Als ich die Bewegung unter mir spürte, wusste ich, dass ich von nun an endgültig eine Außenseiterin war. Wie sollte ich auch morgen früh normal mit meinen Arbeitskollegen an der Kaffeemaschine stehen und über den Jahresumsatz und die verrückten Ideen meiner Chefs sprechen? Ich hatte gerade herausgefunden, dass mein Bett fliegen konnte!

Wenn sie mich morgen fragten, was ich in letzter Zeit Spannendes gemacht hatte, würde ich nicht wie üblich „nichts“ antworten können. Aber ich konnte doch auch schlecht davon erzählen, wie ich auf meinem Bett in die Nacht entschwebt war. Sie würden mich für verrückt erklären. Was ich vielleicht ja auch war.

Aber halt – mein Bett? Das war ja gar nicht mein Bett. Was ich für die weichen Federn meiner Steppdecke gehalten hatte, war weißes, fusseliges Fell. Etwas unter mir brummte tief, wie das Schnurren einer riesigen, fetten Katze.

Was war das? Ich erschrak so, dass ich beinah von dem weißen Etwas herunter gerollt wäre, als ich merkte, dass ich nicht in meinem Bett lag. Weit unter mir lag eine grüne Landschaft, durchzogen von glitzernden Bächen und schmalen Wegen, am Horizont gähnte ein schwarzes Loch – ich erschrak noch mehr, als ich hineinsah und mich der Verdacht beschlich, ich sei blind geworden. Aber nein, meine in das flauschige Fell vergrabenen Hände konnte ich noch sehen und auch den so weit entfernten Boden, an dem ich zerschellt wäre, wenn ich mich im Schlaf umgedreht hätte. Ich hielt mich noch stärker fest.

„Au!“, brummte das flauschige Kissen, auf dem ich schwebte. „Nicht so fest. Ich lass dich schon nicht fallen.“

Sicher hätten meine Arbeitskollegen wirklich recht, ich war verrückt geworden. Ein fliegendes Bett war eine Sache, aber ein sprechendes Kissen …

„Wer bist du? Wo bist ich?“, stammelte ich.

„Hat die Kindliche Kaiserin doch recht gehabt, ich wollte es nicht glauben. Du hast uns vergessen! Dabei haben wir früher so viele Abenteuer zusammen erlebt!“

Und da dämmerte es mir. Ich saß auf Fuchur, dem Glücksdrachen, und flog über mein Reich Phantásien, das mal wieder vom Vergessen bedroht wurde. Das schwarze Loch am Horizont schien mich auszulachen.

„Es tut mir so leid, Fuchur, so lange habe ich nicht an dich gedacht. Ich musste Geschäftspläne schreiben und Quartalsabrechnungen.“

„Wir haben dich vermisst“, brummte Fuchur traurig.

Ich kuschelte mich an ihn. „Ich weiß, mein Freund. Erwachsen werden ist echt ein Verbrechen.“ Aber mutig schrie ich dem Vergessen entgegen. „Aber ich werde noch diese Nacht wieder zum Kind werden.“

Aufgabe: Wiederbegegnung mit einem Kindheitsfreund

 

nächste Woche: Einen Satz weiter schreiben. „Diese Entdeckung sonderte mich begreiflicherweise noch mehr ab.“

weitere Übungen:

Tanzen mit Feder und Luft

Irgendwas mit Flamingos

Grübelmania

 

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