Tagespolitisches

Olvenstedter Gedanken am 19. März 2010

Ein Flecken Rasen zwischen Plattenbauten. Ein paar Jungs auf dem Bolzplatz. In kurzen Hosen. Ist denn schon Sommer?
Panzerplatten sind Stolperfallen für Skater. Aber wen interessiert das schon? Die warme Luft lockt alle nach draußen. Der Winter war lang genug. Und die Wohnungen sind viel zu klein, um sich auf Dauer darin aufzuhalten.
Panzerplattenkreidepalmen gleiten unter mir durch. Das ist der Urlaub der kleinen Leute. Palmeninseln auf Panzerplatten gemalt. Schön bunt. Und kostet (fast) nischt. Eine Gruppe Kinder mit ihren Kreideeimern. Sonnenblumen. Segelboote. Alles horizontal und zweidimensional. Aber immerhin.
Die Mercedese und BMWs fahren hier nur durch. (Wenn überhaupt.) Und ihre Fahrer sehen sich nicht um. Nach dem kleinen Mädchen, das allein am Straßenrand sitzt. Klee aus dem Rindstein pflückt.
Ihr Skateboard ist zerbrochen.
Mein verschossenes Herz behauptet, das ist ungerecht. Was kann dieses kleine Mädchen dazu? Man sucht sich seine Eltern nicht aus. Und, wer weiß, vielleicht waren seine Eltern nicht wirklich schuldiger. Einmal draußen immer draußen. Und die Schichten gibt es doch. Auch in unserem tollen Deutschland.
Aber was solls. Mein Herz ist parteiisch.
„Wenn ich nen Räuber wär, dann knallt ich mit dem Schießgewehr, ein paar mal hin und her, schon wär der Königsessel leer …“
Gundermanns alten Lieder passen ins Bild. Wahrscheinlich hat sich hier nicht viel verändert, seit er diese Texte schrieb. Aber auch die neue CD der Sillys passt perfekt. Hat sich generell gar nicht so viel geändert.
Die Tyrannei heißt anders. Fühlt sich aber gleich an.
Oder … was weiß ich denn schon? Ich bin doch Wessi. Und eh zu jung. Ich denke nur, ich kann mir vorstellen, einige sind von ihrem neuen alten Staat ein bisschen enttäuscht. Nur ein bisschen.
Ich höre von Sonnenblumen. Und denke an Tamara. Wenn es einen Himmel gibt, werden wir uns dort treffen. Und dann erzähle ich dir von meiner Welt und du erzählst mir von deiner Welt und wir werden sehen, so verschieden waren wir ja gar nicht.
Was ist ein Staat ohne Menschen? Und die Menschen sind doch überall dieselben. Zwanzig Prozent Idioten. Siebzig Prozent Passtschon. Muss man halt das Beste draus machen. Kann man ja eh nischt dran ändern.
Und die restlichen zehn Prozent gehen freiwillig ins Irrenhaus. Das hat schon Nietzsche gewusst. Die paar Philosophen. Künstler. Geistreiche Trinker. Hofnarren, die man reden lässt und denen niemand zuhört. Werden deshalb in Deutschland nur amerikanische Bücher verkauft? Weil man sich einbilden kann, dass es nur „da drüber“ so ist? Weil die Deutschen Schreiberlinge keine Zensur mehr wollen und kein Blatt vor den Mund nehmen?
Und wir hören unsere Musik auf Englisch. Dann verstehen wir die Anklage nicht. Wir grüßen unseren Kapitän und schau‘n mal, wo er uns hinbringt.
In den Weltuntergang. Na, was soll‘s. Allein hätte man da ja eh nischt machen können.
Gott ist nicht tot! Gott liegt im Sterben. Mit jeder Kugel, die auf der Welt fliegt. Mit jeder Demütigung, die niemand mehr rechtfertigen muss. Mit jedem Teenager, der nur noch auf dem Hochhaus einen Ausweg findet. Töten wir Gott. Das Prinzip Liebe. Leben. Frieden.
Alte Autos stauben die Straßen ein. Split zwischen meinen Skates-Rollen ist eine Erinnerung an den Winter. Die wenigen Bäume kahl. Die werden unser bisschen Luft erst in Wochen wieder reinigen. Werden sich bald wieder abkämpfen. Der atmenden Menschenschar Atemluft zu bringen. Falls sie dürfen. Vielleicht müssen sie auch sterben, weil wir dringend noch nen sechsten Supermarkt in dieser Ecke brauchen.
Kaufen die Menschen mehr, wenn es mehr Supermärkte gibt? Essen sie mehr? Hier hat doch sowieso niemand Geld. Was soll also der Blödsinn.
Hundebesitzer. Junge Muttis. Eigentlich doch noch Kinder. Wer arm ist, altert schneller. Wer raucht erstrecht. Und wer raucht hier eigentlich nicht? Deutsche Dekadenz. Nicht nur bei Hartz-4-Empfängern. Aber natürlich gehört der Flachbildschirm zum Grundbedarf. Natürlich kann jeder Lehrer einen eigenen Computer bei seinen Schülern voraussetzen. Wie sollte er unterrichten, wenn die Schüler keinen eigenen Fernseher haben?
Die Kinos wollen gefüllt sein. Die Konzerne produzieren am laufenden Band neue Computerspiele. Die nur auf neuen Rechnern laufen. Wundert es hier irgendwen, dass die Arbeitslosen auch einen Teil vom Kuchen abhaben wollen?
Aber ihr habt euch verrechnet. Der Kuchen reicht gar nicht für alle.
Wer will das letzte Stück?

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