Schreibmenschen · Tagespolitisches · Workshops Kreatives Schreiben

Unter welchen Umständen würdest du töten?

Krimi/Thriller-Wochenende im Schreibhain. Wir untersuchen den Mörder in uns. Aufgabe: Unter welchen Umständen würdet ihr töten? (Leicht abgeändert, denn manche Dinge gehören einfach nicht ins Internet. Und liebes BKA, falls ihr hierüber stolpert, ja, ich bin ein Gefährder, denn ich habe sowohl Herz und Kopf, das ist immer gefährlich. Aber noch ist es nur Fantasie.)

Irgendwann werde ich explodieren. Ich weiß nicht, wann es ist, ich weiß nicht, was der konkrete Auslöser sein wird, aber ich werde explodieren, ich werde mich und andere töten und ich werde es gern tun.

Ich werde es für die Menschen tun, die noch an dem Flughafen, an den wir sie abgeschoben haben, getötet werden, obwohl ihr Land doch „friedlich“ ist, ich werde es für die Menschen tun, die nicht lesen und schreiben lernen durften, weil sie unsere Kleidung genäht haben, für die Kinder, die Elternlos wurden durch unsere Waffen.

Wenn ich höre, wie Menschen in der Straßenbahn davon sprechen, Deutschland müsse aufgeräumt werden, wo kämen wir denn da hin, wenn wir jeden dahergelaufenen Kameltreiber aufnähmen, möchte ich schreien und um mich schlagen. Ich schlucke den Impuls herunter, lächele zynisch und antworte: Hast du ein Glück, dass du in Deutschland geboren bist. Aber sie verstehen mich nicht, sie hören mir gar nicht zu, und die Wut bleibt.

Rationale, moralische Menschen schmeißen auf einmal alle Prinzipien über Bord, wenn Fußballweltmeisterschaft ist, und akzeptieren, dass für ihr Sportvergnügen Menschen sterben, Kinder erschossen werden oder moderne Sklaven vor Erschöpfung einfach tot umfallen. Sie wissen um diese Rahmenbedingungen, aber es interessiert sie nicht. Diese im Grunde netten Menschen zu töten, ist sicher keine Lösung. Mit jedem politischen Mord macht man sich zum Teil des Problems. Aber wenn sie einfach nicht zuhören, wenn sie mit den Achseln zucken und sagen: Es macht nun mal Spaß, es schmeckt nun mal gut, ich kann mir nun mal nichts anderes leisten – es gibt nur ein gewisses Maß an Wut, das man schlucken kann.

 

Und dann denke ich an diejenigen, deren Fluchtgeschichte ich kenne, deren Persönlichkeit ich kenne, mit denen ich Deutsch und anderes gelernt habe und über Politik und Religion und alles diskutiert. Und stelle mir vor, man würde sie abschieben, wenn ihre befristeten Duldungen abgelaufen sind, einfach nur, weil das politische Klima sich verändert hat, weil der Schwerpunkt des Krieges sich ein bisschen verschoben hat, weil wir ihrer überdrüssig sind. Und ich stelle mir vor, dass viel zu teure Kanzleramt würde brennen.

Dabei sind sie nur ein paar von vielen, die, die mir am Nächsten stehen, doch nicht die einzigen, die wir töten werden, indem wir sie abschieben. Und neben den wenigen, die ich kenne und liebe, gibt es noch so viel mehr. In Deutschland. An den mittlerweile geschlossenen Grenzen. Und immer noch so viele in Syrien, im Irak, in der Türkei, in allen Ländern Afrikas und der arabischen Welt. So viele auch in Südamerika, die nicht vor unserer Tür stehen, aber doch vor einer, draußen vor der Tür, wo sie verrecken können, weil wir uns so wohl und fett und sicher fühlen.

Wenn Trump mir über den Weg laufen würde oder die Merkel, würde ich gerne sofort zum Mörder werden. Und dann könnte man mich einsperren, das wäre mir egal, ich weiß ja, dass es nichts bringt, es wachsen immer Köpfe nach. Aber die Fantasie hilft mir, durch den Tag zu kommen, all die kleinen, uninformierten Unsinnquatscher nicht zu erschlagen, mit denen man immer wieder in Kontakt treten muss.

Ich würde lieber Konzerne töten als Menschen. Jeder einzelne kleine Mann, der seine sauer verdienten Mark bei der Deutschen Bank lagert, hat sie verdient. Und dennoch finanziert er den Tod damit.

Wenn ich töte, dann ist das vielleicht eher Kollateralschaden, weil ich ein Gebäude in die Luft sprenge, in dem unvorhergesehen noch jemand ist. Ein Obdachloser vielleicht, der Schutz vor der Nacht sucht und es erst recht nicht verdient hat, meiner Wut in die Quere zu kommen. Oder den Tod am ehesten verdient hat, das Vorbei, die Ruhe.

Wenn ich an die Gesichter denke, die ich kenne, die ich nicht kenne, die sich dennoch in meine Träume schleichen, weil ich mal wieder schwach war und die falschen Waren gekauft, oder versehentlich Nachrichten gesehen habe, kann ich nicht atmen. Irgendwann werde ich explodieren, einfach, um wieder atmen zu können. Auch wenn ich genau weiß, dass es die Welt nicht besser machen wird, die Welt war nie besser und das alles hat es schon so oft gegeben, die Waffen, die Lügen, die betenden Kinder. Und die Träumer, die all das nicht ertragen. Die Träumer, die zu Mördern werden, um ein Zeichen zu setzen, das im Besten Falle einfach schnell wieder vergessen ist, in der Regel aber nur völlig falsch verstanden und für die falschen Zwecke missbraucht. Was war der 11. September schon anderes? Und jetzt ist er uns ein Zeichen dafür, Waffen zu bauen und Kinder abzuschieben, weil sie uns ja gefährlich werden könnten. Die Waffen unter einem Kopftuch zu fürchten, der nichts anderes ist als ein weiblicher Verstand, ohne zu sehen, dass die Männer, die das Kopftuch einführten, nichts anderes fürchteten.

Wenn ich anfange, zu philosophieren, die Dinge zu Ende zu denken, möchte ich einfach alle Menschen töten. Es gibt keine intelligenten Waffen, mit Mord lassen sich niemals nur Böse ohne Gute schädigen. Mit allen Menschen hätte sich das Problem vorerst jedoch gelöst, und vielleicht ist die Evolution beim nächsten Mal klüger.

Und dann denke ich mir, auch andere Tiere töten und nicht nur aus Hunger. Auch andere Tiere kämpfen um Reviere, der Mensch ist nicht mal das einzige Tier, das Waffen benutzt. Der Mensch ist ein Löwe, der gerne Schmetterling wäre. Ich jedenfalls. Und könnten wir unsere Raubtiernatur einfach akzeptieren, verlöre vielleicht auch der Krieg den Stachel. Das Töten wäre normal.

Und da ich diesen Gedanken ablehne, fange ich wieder von vorne an.

 

Nachmachen der Aufgabe ist nur bedingt zu empfehlen, nur in einer stabilen Seelenverfassung und einem sicheren Umfeld – was der Schreibhain definitiv ist, mein zweites Zuhause. Und dennoch hat dieser Text in mir eine Kraft freigesetzt, die ich nicht erwartet hatte – man kann gegen Ohnmacht anschreiben. Und ein Mord auf Papier tut niemandem weh.

Also: lest! schreibt! lebt!

 

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2 Kommentare zu „Unter welchen Umständen würdest du töten?

  1. Ja, gefällt mir! Weil du deine Wut reflektierst und nicht blind auslebst, sie in positive Energie umwandelst hier so etwas zu schreiben und uns daran teilhaben zu lassen. Weil du mutig bist und etwas riskierst. Weil du zu dir und deinem Blick auf die Welt stehst. DANKE!

    Gefällt 1 Person

    1. Gerade diese Worte helfen mir, meiner Wut keine Taten folgen zu lassen. Sie machen mich vielleicht nicht weniger wütend, das wäre auch nicht angemessen, aber sie schalten eine Pause zwischen die Wut und die Tat, in der ich eine andere Perspektive einnehmen kann.
      Danke für deinen Kommentar!

      Gefällt 1 Person

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