Tagespolitisches · Throwback Thursday

Schwuler Glaube

Eine Doku über einen schwulen Imam gesehen und gedacht, wie glücklich wir uns doch eigentlich schätzen könnten, müssten. Natürlich ist noch ein weiter Weg zu gehen, doch so viel haben wir auch schon erreicht, im Vergleich zu diesen Ländern, in denen man einen Schwulen aus dem Fenster wirft oder anzündet und ungestraft davon kommt.

So viele homosexuelle muslimische Flüchtlinge haben mit ihrem Glauben gebrochen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass sich jemals etwas ändert. Doch schauen wir uns nur in unserem eigenen Vorgarten um, wie steht es denn hier mit der Religion? Der Grund, dass wir hier so weit verbreitete Rechte haben, oberflächlich betrachtet gar die gleichen wie Heterosexuelle, liegt nicht in einer Wandlung des Christentums, sondern in einer nach außen hin vorgehaltenen Säkularität des Staates. Und auch wenn immer mehr christliche Glaubensgemeinschaften sich öffnen, darf unsere geehrte Frau Bundeskanzlerin auf das C im Namen ihrer Partei verweisen, um Gesetze abzulehnen. Gibt es bei den Debatten gegen die Öffnung der Ehe überhaupt irgendein Argument, das nicht vermeintlich christlichen Ursprungs ist?

So viel zum säkularen, rationalen Staat.

Also liebe homosexuelle muslimische MitbürgerInnen: Gebt eurem Glauben noch ein paar Jahr(hundert)e. Das Christentum ist auch noch lange nicht angekommen.

Es ist nicht die Religion an sich. Auch wenn es mir als durch und durch rationalem Menschen generell schwer fällt, an ein so widersprüchliches Konzept wie Gott (im christlichen, anthropomorphen Sinne) zu glauben, hat doch Religion sehr viel, was für sie spricht. Es sind immer die Menschen, die aus geschriebenen, überlieferten Worten Handlungsanweisungen machen, ob zu Liebe oder zu Hass.

Gott ist Liebe. Und wenn man dies über jede Religion schreibt, kann sie niemals homophob werden.

Und auch wenn ihr die Religion hinter euch lasst, bleibt immer noch viel Raum für Xenophobie. Nicht die Religion ist das Problem, sondern die Neigung, einmal gehörte Einzelsätze zu ewigen Wahrheiten zu erklären, sich an ihnen festzuhalten und sie auf alle neuen Situationen anzuwenden. Das ist ja auch schön einfach. Man braucht nicht weiter zu denken, wenn man einmal entdeckt hat, was immer wahr ist. Doch die Welt ist zu komplex für Allaussagen. Und kein Weiser wird jemals genug gesehen und erlebt haben, um für jede Situation eine Wahrheit zu haben.

Also hört auf euer Gefühl. Hört auf euren Verstand. Bildet euch eine eigene Meinung. Wenn ihr beten wollt, dann tut es, ob in der Kirche, der Moschee oder eurem Wohnzimmer, ich mache Yoga und auch das ist ein Gebet: ein Weg zu mir, zu Ruhe und zu Dankbarkeit. Wer dankbar ist, kann nicht hassen. Und wenn ihr hasst, dann schluckt den Hass nicht herunter, schreit ihn in den Wald oder schlagt ihn in einen Sandsack, bei dem, was jeder von uns erlebt hat, ist er nur allzu verständlich. Aber nur weil ihr Gruppen hasst, müsst ihr nicht die Individuen hassen. Jeder hat einen Grund für den Weg, den er geht, selbst zu Intoleranz und Gewalt. Folgt ihm nicht, indem ihr selber gewalttätig werdet.

Glaubt, ob nun an Gott (in einem seiner vielen Namen), die Menschen oder die Liebe. Glaubt an euch selbst. Und sperrt eure Ohren auf, wenn jemand euch seine Geschichte erzählt. Sie kann euren Glauben nicht umwerfen, nur erweitern.

 

(aus März 2017)

 

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